Solothurn

Bach war beim Konzert der Singknaben – fast – persönlich anwesend

Jonathan Sollberger (mit Lockenperücke) spielte Johann Sebastian Bach.

Jonathan Sollberger (mit Lockenperücke) spielte Johann Sebastian Bach.

Die Singknaben haben Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium äusserst geglückt interpretiert.

«Keine Ahnung, wer Bach war», meint der 12-jährige Simon. Aber er nimmt trotzdem am Konzertmorgen in der Jesuitenkirche teil – weil sein Kollege bei den Singknaben der St. Ursen-Kathedrale mitsingt. Er freue sich, diesen Anlass zu erleben. Sie hätten doch schon etwas über Bach gehört, ergänzte ein Mädchenquartett aus der 5./6 Klasse Deitingen, die mit ihrem Lehrer gemeinsam an der überaus gut besuchten Aufführung teilnahm. «Wir sind gespannt auf die Erzählung der Weihnachtsgeschichte extra für uns Kinder.» Und ganz sicher wird das gesamte, aus Eltern, Grosseltern und unendlich viel Nachwuchs bestehende Publikum diese musikalische Darbietung ein Leben lang nicht vergessen! Denn: Johann Sebastian Bach (1685-1750) war fast persönlich in der Kirche anwesend.

Das übte besonderen Reiz aus, weil diese Betrachtungsweise des Weihnachtsoratoriums wirklich neu ist. Als Schauspieler verlieh Jonathan Sollberger, angetan mit der für die Barockzeit typischen Lockenperücke, dem aus Leipzig herbeigeeilten Kantor und Komponisten kraftvoll Gestalt und Stimme. «Ich habe dieses Stück –so einfach, aber so genial – vor 275 Jahren geschrieben», wagte er handfest den Sprung in die Aufführungsgegenwart mit den 60 Singknaben und Männerstimmen sowie dem 22-köpfigen Orchester, dem klanglich überzeugenden cantus firmus consort. Sofort spannte er Mitwirkende und Publikum zu einer kurzen Bewegung aus Fingerschnipsen und Fussstampfen ein, um jedermann den charakteristischen Paukenrhythmus spüren zu lassen, der mit «Jauchzet, frohlocket» dieses Bach-Werk eröffnet.

Mit vier Königen

Antje Heppner hat diese verkürzte Fassung der biblischen Weihnachtsgeschichte pädagogisch-feinfühlig geschrieben und einfallsreich inszeniert. Dazu gehörte auch der moderierende «iPad-Man» Silas Aeschlimann. Das Spiel bezauberte in seiner Mischung aus Chorälen, der effektvoll instrumental begleiteten Szenerie und den heiteren Dialogen in gängiger Jugendsprache. Da stahl doch tatsächlich ein freches Teufelchen dem Engel, der die Frohe Botschaft von Jesu Geburt den Hirten auf dem Felde verkünden wollte, die Schau, indem er rappend, weil gelangweilt von Bachschen Tönen, sogar den Chor zu rockiger Musik verführte. Welche stimmliche Qualität in seinen Reihen vorhanden ist, zeigten die vokalen Einschübe aus den vier Stimmregistern. Ein Solo-Sopran erinnerte mit artistisch hoher Stimmlage an Mozarts «Königin der Nacht».

Die Alt-Stimme liess eine Händel-Oper, der Tenor den «Tamino» und der Bass das Trompeten-Solo aus dem Weihnachtsoratorium kurz anklingen. Der Tenor hatte sich mehrfach während der einstündigen Aufführung als lyrischer Erzähler bewährt. Als schliesslich die königlichen Weisen aus dem Morgenland dem Jesuskind ihre Geschenke darbrachten, drängte sich keck ein vierter König mit aufs Podium, weil die Anzahl dieser Sterndeuter nicht gesichert ist. Zum Glück für Josef und Maria, dargestellt von Chormitgliedern, folgten die Weisen nicht dem Befehl des Königs Herodes, ihm den Geburtsort von Jesus als «grossem König» bekannt zu geben. Herodes, der keine Nebenbuhler duldete, war nur mit seinem bösartigen Gelächter anwesend.

Das Publikum reagierte auf diese Version des Weihnachtsoratoriums mit Faszination. Ein mit Enkel zuhörender Grossvater meinte anerkennend, dass dies die beste Einführung für Kinder in Bach-Musik sei. «Gebadet» wurden alle Mitwirkenden in viel Beifall, und Andreas Reize, der die Singknaben und ihre Konzertanlässe seit Jahren leitet, strahlte voller Zufriedenheit über den geglückten Festauftritt.

Samstagabend und Sonntagnachmittag fanden dann die alljährlich traditionellen Originalaufführungen des Weihnachtsoratoriums in den Teilen eins, drei und vier statt.

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