Heimspiel des FC Solothurns gegen den FC Baden, Ende April. Es ist ein sogenanntes «Hochrisikospiel». Seit zwei Jahren koordiniert und organisiert die Ultras-Gruppierung «Pazzo Sinistra» den Support der Solothurner. Wir begleiten sie einen Tag lang.

Bereits Wochen vor dem Spiel wurden fleissig Fahnen gebastelt, Kleber hergestellt und Merchandise-Artikel, etwa T-Shirts, vorbereitet, wie A.B.* erzählt. Er ist 18 Jahre alt und war dabei, als die neue Gruppierung ins Leben gerufen wurde. «Meine gesamte Freizeit dreht sich grösstenteils um den Support des FC Solothurns.»

Man sei eine sehr lockere Gruppierung, sagt A.B. Alle könnten mitmachen und alle haben ein Mitspracherecht, es gebe innerhalb dieser Gruppierung keine strenge Hierarchie. «Wir sind alle Fans, jeder und jede darf sich an der Choreografie beteiligen, es ist aber kein Muss», sagt der 27-jährige C.D.*, ebenfalls eines der Gründungsmitglieder. Auch dürfe jeder selbst etwas für den Verein-Support vorbereiten.

Die Finanzierung der Choreografien und der Merchandise-Artikel geht locker über den Tisch – einiges werde mit privaten Mitteln bezahlt, anderes könne durch den Erlös des Verkaufsstandes finanziert werden. Zudem gebe es ein «Choreo-Kässeli», das während den Spielen herumgereicht werde, ergänzt der 20-jährige D.E.* «Für die Kassen- und Organisationsverwaltung sind immer mehrere Leute zuständig, es gibt aber keine fixen Ämter», so A.B.

Alles beginnt beim Frühstück

Am Spieltag ist um elf Uhr Treffpunkt am «Aaremürli» in der Solothurner Altstadt. Bei einem gemeinsamen Frühstück werden Kleber sortiert, die am Merchandise-Stand im Stadion zum Verkauf stehen, und es wird nochmals über die vorbereitete Choreografie gesprochen. Nach dem Frühstück geht es weiter in eine Beiz gleich an der Aare, hier warten bereits weitere Fans – die Mittagsstunde ist vorbei und die Bierzeit eingeläutet. Immer mehr Fans treffen ein, der Tisch muss ständig verlängert werden: Gegen halb Vier sind bereits nicht weniger als 40 Fans – alle zwischen 15 und 45 Jahre alt – im und um das Restaurant versammelt. «Normalerweise sind wir nicht so viele», gibt A.B. zu, doch das Wetter spielt mit und viele seien an diesem «Hochrisikospiel» gegen Baden interessiert.

Die Solothurner Fans, darunter auch eine Handvoll Frauen, freuen sich auf den Match: Es sei besonders spannend und lustig, wenn die gegnerische Mannschaft auch eine grosse Fan-Gruppe bei sich habe, ist sich eine Gruppe 17-jähriger Fans einig.

Um 16 Uhr steigt die Spannung, es herrscht Aufbruchsstimmung. Umgeben von einer Rauchwolke und Biergeschmack läuft die gesamte Truppe gemeinsam zum Stadion. Der «Stadionmarsch» stellt das Anfangsritual dar: Petarden – mit genügend Abstand geworfen – künden auf offenem Feld das Ankommen der Fans an; Fackeln – auch diese mit der nötigen Vorsicht angezündet – machen die Fans von Weitem sichtbar. Chöre untermauern den Vorfreudemarsch. Die meisten Passanten in Solothurn blicken belustigt auf die Meute und lächeln, die Autofahrer warten geduldig auf das Vorbeilaufen der Prozession.

Es scheint so, als dürfe jeder Mitlaufen und Mitmachen? «Wenn eine Person alleine auftaucht und sie niemand kennt, fragen wir einfach nach», lächelt D.E. So lange es sich nicht um Störenfriede handle, spiele es keine Rolle, fügt A.B. hinzu.

Bei der Ankunft im Stadion geht plötzlich alles sehr schnell und, trotz fehlendem «Ämtliplan», irgendwie koordiniert: Hier jemand, der ein Plakat aufhängt; dort eine Gruppe, die den Merchandise-Stand aufbaut. Spätestens jetzt wird klar, dass sich die «Pazzo Sinistra» eindeutig politisch positioniert. Antirassismus-Sprüche prangen in der Solothurner Kurve, begleitet von Anti-Homophobe-Schriftzügen.

«Überall, wo sich mehrere Menschen treffen, spielt Politik eine wichtige Rolle», so A.B. Die Aussage, dass Sport nichts mit Politik zu tun habe, sei einfach falsch, wie er erklärt. Meistens seien gerade die Fan-Kurven, in denen solches behauptet wird, diejenigen, die «rechtsradikale Fans tolerieren», sagt A.B. Dies sei durchaus auch ein politisches Statement.

Linkes Gedankengut im Stadion

«Pazzo Sinistra», wie schon der Name ankündigt, lenkt die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf ein linkes Gedankengut. Besonders wichtig sei dabei die Bekämpfung von Rassismus und Homophobie: Solche Einstellungen hätten mit Sport nichts zu tun, sind die Fans überzeugt. Gleichzeitig grenzt sich die Gruppierung von extrem gewaltbereiten Fans ab. «Wir lassen uns nicht einschüchtern, aber provozieren weder die Polizei noch die gegnerischen Fans gezielt mit dem Wunsch nach Auseinandersetzung», sagt A.B. Die Gewaltbereitschaft scheint in Solothurn eine eher sekundäre Rolle zu spielen, wohl auch wegen der im Vergleich zu Profivereinen eher kleinen Gruppierung.

Peter Fedeli, Kommandant der Solothurner Stadtpolizei, bestätigt diesen Eindruck. Es sei keine «Chaotentruppe», aber je nach Situation – abhängig etwa von einem angeblich falschen Schiedsrichterentscheid oder von den gegnerischen Fans – könne sich die Lage schnell ändern. «Für die Polizei, die ausserhalb des Stadions die Sicherheit gewährleisten muss, ist ein situatives Handeln essenziell», so Kommandant Fedeli. Bisher habe sich die «Drei-Stufen-Methode» in Solothurn bewährt: Als Erstes werde der Dialog gesucht, danach deeskalierend gewirkt und erst als letzter Schritt sei ein Eingriff vonnöten. In Solothurn reichen die ersten zwei Stufen. So sei die Saison 2016/2017 ohne grössere Ausfälligkeiten verlaufen.

In der dezidiert politischen Einstellung sieht die 25-jährige L.F.* den Grund, warum auch Frauen zugelassen seien und sich willkommen fühlten. «In vielen grösseren Ultras-Gruppierungen sind Frauen überhaupt nicht erlaubt oder nur als Anhängsel toleriert», sagt sie, oftmals sei gerade unter den Fussballfans widriger Sexismus spürbar.

Dies sei bei «Pazzo Sinistra» nicht der Fall, es werde Wert daraufgelegt, Frauen als eigenständige Individuen zu betrachten und zu behandeln. «Das ist gar kein Thema, denn sie gehören zur Kurve», unterstreicht A.B.

Eingebunden im Vorstand

Für den Verein scheint die politische Haltung der Kurve kein Thema zu sein, wie aus Gesprächen mit Raphael Scheidegger hervorgeht. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter Marketing des FC Solothurns. Ansonsten herrsche zwischen den Fans und dem Club ein reger Austausch. Wie Scheidegger erklärt, seien Vertreter der «Pazzo Sinistra» im Vorstand des FC Solothurns vertreten und daher stets im engen Kontakt mit der Leitung.

Die Fans setzten sich ein, um keine Sanktionen, etwa wegen Gebrauch von Pyrotechnik, zu erhalten – in solchen Fällen wird nämlich der Verein sanktioniert. Und dies versuche man zu verhindern. «Wenn es dennoch dazu kommt, sind die ‹Pazzo Sinistra› zum Dialog bereit», betont Scheidegger. «Wir sind glücklich, an jedem Spiel auf zahlreiche Unterstützung zählen zu können», sagt er, «denn das wünschen sich auch andere Mannschaften aus der 1. Liga.»

«Pure Fussballromantik»

In der Zwischenzeit sind auch die Badener Fans im Stadion angekommen und der Match wird angepfiffen – die Chöre, Transparente, Fahnen und das Trommeln erschweren einem das aufmerksame Verfolgen des Spiels. Plötzlich tauchen drei kleine Jungs auf, zwischen elf und dreizehn Jahre alt. Mit ihren selbst gebastelten Fahnen und T-Shirts unterstützen auch sie, die Schüler, den FC Solothurn. «Die Grossen sind nett zu uns und wir schauen uns die Spiele immer an», bestätigen sie. Gemeinsam mit den jüngsten Fans bricht die Kurve beim entscheidenden Goal in Freudenschreie aus. Bombenstimmung während fast 90 Minuten – friedlich, aber ziemlich laut. Ob das wohl am Sieg liegt?

Pausenlos wird gesungen, geklatscht, gerufen: Alles unter Anleitung eines Trommlers und eines Megafonsprechers. Transparente werden gezeigt, Lieder werden gegrölt und Fahnen geschwungen, sodass am Tag danach wohl einige keine Stimme mehr haben werden – dafür durchtrainierte Bizeps. Das sei das Solothurner Ultra-Erlebnis, findet A.B.: «Pure Fussballromantik, ganz ohne Kommerz.»

* Alle Namen der Redaktion bekannt.