Kunstmuseum Solothurn
Aus WC-Rollen und Altpapier entsteht Kunst

Die Teilnahme an einem Workshop des Faltkünstlers Ruedi Fluri im Kunstmuseum Solothurn machte klar: Aus wenig kann viel entstehen. Als Material dienen alleine alte WC-Papierrollen.

Andrea Grgic
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Ruedi Fluris Werke werden derzeit im Kunstmuseum Solothurn ausgestellt.
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Mit den Workshop-Teilnehmern werden die Werke betrachtet
Die Werkstatt von Ruedi Fluri befindet sich mitten im Museum, wo auch seine Werke ausgestellt sind
Nur die Fähigkeiten Schneiden und Leimen sind gefragt
Workshop mit Faltkünstler Ruedi Fluri im Kunstmuseum Solothurn
Der 66-Jährige ist studierter Industriedesigner

Ruedi Fluris Werke werden derzeit im Kunstmuseum Solothurn ausgestellt.

Emanuel Freudiger

So viel vorweg: An mir ist keine Künstlerin verloren gegangen. Leicht nervös stehe ich deshalb im Kunstmuseum Solothurn. In der nächsten Stunde sollen meine Hände Kunst erschaffen. Ich bete für ein Schächtelchen Inspiration, das mich beflügelt.

Der Solothurner Faltkünstler Ruedi Fluri leitet den Workshop. Mitten im Museum, wo auch seine Werke ausgestellt sind, befindet sich momentan seine Werkstatt. Ein erstes Aufschnaufen zu Beginn: Nur die Fähigkeiten Schneiden und Leimen sind gefragt. Als Material dienen alte WC-Papierrollen. Ruedi Fluri zieht ein etwas längeres Kartonrohr unter dem Tisch hervor und haut mit der Hand drauf: «Seht ihr, ein Rohr ist sehr schnell gebrochen.» Er zieht zwei weitere Röhren hervor: «Deshalb habe ich sie verstärkt.»

Er betrachtet die hohlen Stäbe, als ob er nicht wüsste, was sie sind. Das macht er ganz bewusst. Der studierte Industriedesigner hat zu Beginn des Schaffensprozesses kein konkretes Objekt im Kopf, sondern er arbeitet spielerisch. Vor dem fertigen (Kunst-)Werk stehend, darf dann die Frage nach der Funktion gestellt werden. Mit den verstärkten Rohren schlägt der erfinderische 66-Jährige sogleich in einem schnellen Rhythmus auf den Tisch: «Ich habe Teile eines Instrumentes geschaffen!», triumphiert er.

Solothurn Ost en miniature

Nun aber sind die Ideen der Schüler und von mir gefragt. Ruedi Fluri setzt der Fantasie Grenzen: «Die WC-Rolle darf eingeschnitten oder es dürfen Kreise abgeschnitten werden. Wir wollen das Industrieviertel Solothurn Ost nachbauen. Unsere Gebäude entstehen aus dem Grundelement Rohr.»

Ich betrachte die Kartonrolle in meiner Hand. Einschneiden oder abschneiden? Meine Entscheidung fällt zugunsten von Einschneiden. Und jetzt? Mein kreatives Schöpfertum stösst bereits an seine Grenzen. Ein Silo mit Schlitzen habe ich geschaffen. Bravo! Ziemlich unpraktisch. Ich blicke in die Runde. Auch einige Jugendliche haben das Ziel aus den Augen verloren und basteln Muster anstatt Fabriken zu bauen. «Das braucht viel Erfahrung», beruhigt mich Ruedi Fluri. «Das Prinzip haben aber alle begriffen. Darauf beharre ich strikt und bei Architekturstudenten würde ich noch viel strenger sein. Mit meiner Methode könnte man viel einheitlicher bauen. Viele Stadtviertel kommen heute zumeist völlig konzeptlos daher.»

Neue Visionen für die Städte

Die kritische Haltung schwingt bei Ruedi Fluris Modellen, Skulpturen und Architekturen immer mit. Einige stellen bestehende Formen des Häuserbaus infrage. In einem Ausstellungsaal im Parterre reckt sich ein zwei Meter und 65 Zentimeter grosses «Knitterwerk» in die Höhe. Es ist kaum zu glauben: Das gesamte zylinderförmige Gebäude hat der Solothurner Künstler aus Karton gefaltet. Den Zylinder schmücken zum Teil farbige Ovale. Die Kunstvermittlerin Regula Straumann weist zu Recht darauf hin: «Beim Anblick dieser Architektur fragt man sich, wieso so viele Häuser rechteckig gebaut sind.»

Arbeiten des Solothurner Künstlers Ruedi Fluri
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Verwandt mit Ruedi Fluris Kunst: «Not I» von Andrea Wolfensberger.
Ein Zugobjekt, das man nach verschiedenen Seiten dehnen kann.
Ruedi Fluri vor einem seiner Werke
Im Garten des Kunstmuseums steht der filigrane Turm «Faltwerk».
Noch ein Turm: «Stampfwerk» – Zeitungspapier wird zum Baustoff.

Arbeiten des Solothurner Künstlers Ruedi Fluri

In Ruedi Fluris Objekten steckt aber noch mehr Vision. Auf einem hohen Tisch ist eine fiktive Stadt angerichtet. Der Blick richtet sich auch auf Gebäude, welche sich einer Definition entziehen. Das soll so sein: Den Stadtraum ergänzt Ruedi Fluri mit neuen Orten. Dort können spezifische Bedürfnisse gestillt werden. Ein an ein Strandkorb erinnerndes Modell namens «Stadtkorb» bietet im öffentlichen Raum Schutz vor Lärm und Emissionen. Ein wenig gesuchter ist die Funktion beim «Knitterwerk». Nach Ruedi Fluri könnte es ein Glace-Kiosk sein. Richtig oder falsch gibt es aber nicht. Regula Straumann fordert die anwesenden Schüler zum freien Fantasieren auf.

Alles ist vergänglich

Ruedi Fluri bedient sich aus einem grossen Pott an Grundelementen. Neben geometrischen Formen arbeitet er auch mit Faltbögen. Das Motiv der Verwandlung leitet das künstlerische Schaffen des ehemaligen Industriedesigners an. Einem flachen Stück Papier verleiht er durch die Faltung Zweidimensionalität.

Die Materialien machen die kleinen und grossen Modelle zudem kurzlebig. Ruedi Fluri zum «Knitterwerk»: «Gerne würde ich es nach der Ausstellung an einem Ort in der Stadt Solothurn aufstellen. Alle sollen beobachten können, wie es Regen und Wind zerstören.»

Vergleichsweise kleiner als «das Knitterwerk» ist das von uns erbaute Industrieviertel. Am Ziel sind wir aber ziemlich vorbeigeschossen. Die vielen Kartonschlaufen erinnern eher an einen Vergnügungspark. Aus geometrischen Formen etwas einheitlich Ganzes zu schaffen, das setzt wahrlich Erfahrung voraus. Umso faszinierender, wie Ruedi Fluri, trotz strenger Vorgaben, die immer gleichen Materialien ständig neu zu benutzen weiss.

Ruedi Fluri Kunstmuseum Solothurn. Bis 2. November. Workshops auf Anfrage.