Solothurn
Aus «Happy» und «Pity» wird «Happity»

Arbeiten der vergangenen sieben Jahre des gebürtigen Amerikaners, der seit Jahren in Zürich lebt, sind im Grafischen Kabinett im Kunstmuseum Solothurn zu entdecken.

fränzi Rütti-saner
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Doppelbödig: «Matrimony» (Ehe) nennt David Chieppo dieses Bild aus dem Jahr 2012.

Doppelbödig: «Matrimony» (Ehe) nennt David Chieppo dieses Bild aus dem Jahr 2012.

Kunstmuseum Solothurn

Seit 1998 lebt der Amerikaner David Chieppo (1973*) in Zürich. In Europa hat er einen grossen Teil seiner Ausbildung genossen und hier hat er auch etliche Förderungen, Preise und künstlerischen Erfolg verbuchen können. Trotzdem wird ziemlich schnell klar, dass dieser Künstler, dessen Arbeiten aus den vergangenen sieben Jahren derzeit im Grafischen Kabinett im Kunstmuseum Solothurn zu sehen sind, ein Amerikaner ist. Ein Kind seines Landes, geprägt von der Diskrepanz zwischen der Scheinwelt des Films und der Realität der USA. So sind Chieppos Arbeiten, auch wenn sie auf den ersten Blick als Idylle, als zwischenmenschliche, intime Augenblicke daherkommen, immer auch politische Statements von grosser Radikalität.

Der doppelte Blick, das Verlangen des Künstlers an den Betrachter, besser hinzusehen und hinter die Fassade zu blicken, will Chieppo mit jedem seiner Werke erreichen. Seine Motive sind oft Menschen – Männer oder Frauen – in engen Beziehungen zueinander. Das Paar, das zusammen im Bett einschläft, eine Frau am Gebären von Männern umgeben, ein Mann, der in einem Schlafsaal liegt, ein Tiger, der im Begriff ist, eine Ziege zu töten – doch ein Jäger ist den beiden bereits auf der Spur. Wer wird zunächst sterben? Und wie absurd ist ein Krieg, in dem ein Soldat seinem Kameraden mit dem Konterfei eines Bart Simpson erste Hilfe leistet? Chieppo geht schonungslos mit diesen Fragen um, gibt keine Antworten, sondern leidet an diesen Realitäten. Vielfach «flüchtet» er sich in Filmstills oder Bild-Ausschnitte, wie man sie von Fotografien her kennt. Geschichten und Ansichten, die jemand anderer geschaffen hat, denen Chieppo aber mit seiner Malerei eigenes Leben einhaucht und doppelten Sinn gibt. Einer seiner «Filmhelden» ist Buster Keaton. Ganze Filmsequenzen malt Chieppo nach. Keatons tragische Heldentaten verkörpern viel vom dem, wie sich Chieppo die Menschheit erklärt: Eigentlich meint man es gut – doch meist kommt alles tragisch heraus. Man meint sich im Glück und erntet nur Mitleid. «Happity» heisst die Wortkreation, die Chieppo aus den Begriffen «Happy» (Glück) und «pity» (Mitleid) geschaffen hat, und die der Ausstellung den Titel gibt. Chieppo trägt pastös auf, schwelgt in allen Farben. Seine Malwelt ist bunt, seine Motive eher pessimistisch – und hier liegt die grosse Spannung, die seine Arbeiten auf den Betrachter auslösen.

Kuratorin Patricia Bieder hat eine anregende, hintersinnige Ausstellung mit Chieppos Arbeiten geschaffen, thematisch gehängt. Es braucht etwas Zeit, die ganzen Inhalte in sich aufzunehmen, um das Mehrdeutige hinter dem Eindeutigen zu entdecken. Bieder fasst zusammen: «Chieppos Kunst ist ebenso Ausdruck einer intensiv erlebten Innenwelt wie sensible und präzise Schilderung der erfahrenen ‹Aussenwelt›».

«Happity», David Chieppo, Kunstmuseum Solothurn, Grafisches Kabinett. Bis 19. Oktober.