18-jährig war Bernadette Emch, als sie am 1. Mai 1967 ein einjähriges Praktikum als Schwesternhilfe antrat. Ohne zu ahnen, dass sie mehr als 46 Jahre später von ihrem einzigen Arbeitgeber im Leben, der Privatklinik Obach, pensioniert würde. «Ich hatte gerade die Handelsschule absolviert und eine Lehrstelle als Krankenschwester bei den Baldegger Schwestern in Luzern in Aussicht.» Voraussetzung dafür: das Jahr in der Klinik Obach.

Doch dort blieb sie, wohnte gar ein Jahr im zweiten Stock des Klinikgebäudes. «Damals hatten wir etwa 20 Angestellte. Und gerade mal zwei Gynäkologen – an Operationen gabs nur Kaiserschnitte, manchmal auch einen Meniskus.»

Eine Administration existierte nicht, die mit der Klinikleitung beauftragte Oberschwester kränkelte. «In der Klinik waren sie froh, dass jemand eine Ahnung vom Kaufmännischen hatte», erzählt die später verheiratete Bernadette Allemann-Emch.

Das Mädchen für alles

So blieb sie nach dem Jahr im Obach, trat ihre Lehrstelle gar nie an. Kassierte bei den austretenden Patienten, meist Patientinnen, gleich beim Austritt ein – «wer nicht bezahlen konnte, erhielt einen Einzahlungsschein mit auf den Heimweg. Denn Abrechnen mit der Krankenkasse gabs damals noch nicht.»

Im kleinen «Office-Raum» stand die Kasse und die Kartei mit den Daten der Patienten. Mit der neuen Hals-, Nasen-, Ohren-Abteilung erweiterte sich ihr Arbeitsbereich. «Bis 1975 half ich auch im ‹Ops› mit. Beim Mandelnschneiden beispielsweise.» Nur Blutentnahmen, das habe sie nie gemacht.

«Auch bildete ich mich in Kursen fürs Röntgen weiter. Das machte mir Spass, und ich konnte diese Tätigkeit bis zuletzt ausführen. Damals brauchte man eben noch keine Spezialausbildung, um auch nur eine Nadel in die Hand nehmen zu dürfen», blickt das damalige «Mädchen für alles» leicht kritisch auf die heutige Berufslandschaft.

Last-Minute-Geburten

Unvorstellbar heute, wie der Klinik-Betrieb damals lief. «Wir hatten nur ein Telefon für die Patienten. Brauchte dieses jemand, brachten wir es auf das Zimmer. Die Kunst war die, immer zu wissen, wo das Telefon gerade stand.»

Die Neugeborenen schlug man in Tücher, sogenannte «Umschwingeli», welche die Beinchen schön gerade nebeneinander fixierten. Die Väter durften zwar bei der Geburt dabei sein, aber danach kam der Nachwuchs ins Säuglingszimmer, und damit definitiv in die Obhut der Säuglingsschwester, bis die Wöchnerin eben nach mindestens einer Woche die Klinik verlassen durfte.

Familienangehörige, Verwandte und Bekannte drängelten sich dafür am Samstag und Sonntag vor der grossen Scheibe, wo die Klinik-Babys stolz präsentiert wurden. «Immer zwischen zwei und drei Uhr war das», erinnert sich Bernadette Allemann. Manche künftige Mutter sei bei der Ankunft schon fast am Gebären gewesen. «Eine Frau ging noch rasch aufs WC. Als sie aufstehen wollte, war das Kind schon zwischen den Beinen.» Knapp 20 sei sie damals gewesen, «das ging mir dann durch Mark und Bein.»

Doch oft half der jungen «Praktikantin» auf dem Posten der ersten Anlaufstelle ihre grosse Begabung: «Ich hatte immer gerne Kontakt mit Menschen.» Und manche gestresste Patientin mag sich erinnern, wie sie dank der unaufgeregten, hilfsbereiten Art von Bernadette Allemann beim Klinik-Eintritt «herunterfahren» und sich etwas entspannen konnte.

Schüsse auf den Arzt

Damals, im kleinen, überschaubaren Team «hatten wir es sehr gut und oft auch lustig miteinander». Zusammen ass das Obach-Team im Klinikgebäude an einem langen gemeinsamen Tisch. «Oft gingen wir an die Aare bräteln oder die ganze ‹Blootere› landete bei uns zu Hause.» Immer wieder erwähnt Bernadette Allemann Veränderungen, neue Herausforderungen. Und das Schöne daran: «Wenn mich etwas interessiere, durfte ich es auch machen.»

Negatives fällt ihr kaum ein. Nur das grosse Schock-Erlebnis von 1975, das kann sie nicht ganz ausblenden. Damals erschoss ein Mann, dem die IV-Rente verweigert worden war, einen Arzt in der Klinik. «Wir hörten die Schüsse, rannten hinunter und versuchten das Opfer wiederzubeleben. Der Täter, der vor dem Mord etwas unruhig im Wartezimmer gewartet hatte, war nach der Tat geflüchtet.»

Alles wird anders

1990 war ein wichtiges Jahr für Bernadette Allemann. «Wir begannen, mit der EDV zu arbeiten.» Was sich als nicht ganz unproblematisch erwies. Denn der Anästhesiearzt Felix Itin sei der Einzige gewesen, der etwas davon verstand. «Er beschäftigte sich schon privat mit dem Computer.» Froh war man damals deshalb in der Klinik um André Bourquin, der seitens der Visura seine EDV-Kenntnisse einbrachte.

Eine Telefonanlage und eine NCR-Rechnungsmaschine gehörten zu den innovativen Anschaffungen, die auch die Administration professionalisierten und -– vereinfachten. Personell wurde ebenfalls umstrukturiert. Führte doch damals noch der Vorstand der Genossenschaft die Klinik, «und der für die Finanzen zuständige Kassier war öfters gar nie im Haus».

1992 wurde deshalb André Bourquin als Direktor berufen, und endlich erhielt Bernadette Allemann eine richtige Funktionsbezeichnung: «Leiterin Empfang». Der Ausbau der Privatklinik ab 1994 führte zur stetigen Erweiterung auch des Personalbestandes. «Zuerst waren wir am Empfang zwei Personen, zuletzt dann acht.» Wobei sich die Tätigkeit keineswegs auf die Begrüssungs- und Eintrittsfloskeln beschränkt, denn auch Untersuchungen der angemeldeten Patienten müssen vom Empfangspersonal koordiniert und organisiert werden.

Am Mittwochabend wurde Bernadette Allemann mit einer Feier in der Klinik Obach pensioniert – 46 Jahre später, als sie sich das am 1. Mai 1967 vorgestellt hatte. Nun freut sie sich auf die gemeinsame, geruhsamere Lebensphase mit ihrem Mann Beat, mit dem sie in Horriwil lebt. Doch keineswegs bereut sie die vielen Jahre in der Privatklinik: «Es ist für mich eine tolle Zeit gewesen.»