Vorweg: Atina Tabé zeigt als No-Name-Kampfpilotin im Einpersonenstück «Am Boden» (Grounded, Erstaufführung 2013) von George Brant eine ausgezeichnete schauspielerische Leistung: kraftvoll, subtil, immer authentisch.

Sie geht so weit, dass man ihren empathischen Ehemann Eric, ihre niedliche Tochter Samantha, den etwas verschlagenen Vorgesetzten vor sich zu sehen meint, obwohl Atina Tabé nur von ihnen erzählt. Und man sieht das Blau des Himmels, das Grau des Bildschirms, spürt Mitleid, fühlt Betroffenheit, wird unbeantwortete Fragen nicht los: Achtzig Minuten hervorragendes, spannendes Theater – zu einem leider aktuellen Thema.

Töten vom Container aus

Die Frau ist Kampfpilotin mit Leib und Seele. Sie liebt ihr Flugzeug, die Beschleunigung, den Umgang mit «ihren Jungs», schreckt vor einer derben Sprache, aber auch vor einer poetischen Überhöhung ihres Tuns nicht zurück: «Man ist das Blau des Himmels, allein in der Leere.» Dass sie im Einsatz auf der Erde einiges «zur Wüste» macht, scheint eher Nebensache, ist zu weit weg.

Aber sie ist sich bewusst, dass sie jederzeit abgeschossen werden kann. Eric, ihr verständnisvoller Mann, kann «den Himmel in ihr spüren» – mit der Folge, dass die Pilotin schwanger wird und ihre Karriere am Himmel beenden muss. Sie wird zu der von ihr verachteten «Chairforce», zu den «Sesselfurzern» versetzt, lernt das Fliegen «mit dem Arsch auf der Erde»: Sie bedient im Team eine hochkomplexe Kampfdrohne über Pakistan – von einem klimatisierten Container in der Wüste Amerikas aus, Tausende von Kilometern vom Zielort, aber nur 1,2 Sekunden vom Befehl bis zur Ausführung entfernt.

Das Blau des Himmels ist dem Grau des Bildschirms gewichen, auf den in 12-Stunden-Schichten gestarrt wird.

Die Pilotin versucht, die Drohne als «Familiengeschenk» zu betrachten: Die Bedrohung durch den Tod ist verschwunden, nach der Arbeit kann sie ihre Familienidylle, «meinen Kitsch», geniessen. Die Pilotin jagt jetzt «Schuldige», durch das Zoom kann sie sie identifizieren; sie haben Gesichter, Beine, Arme.

Eine Nähe, die die Pilotin im Cockpit des Kampfjets nicht kannte. Jetzt ist sie das «Auge am Himmel», ist Gott. Das Grau aber bleibt nicht auf dem Bildschirm, sondern kriecht in ihr Herz. So wird bei der Verfolgung von «Nummer Zwei»* des Terrornetzwerks, des «Propheten», sein Auto zu ihrem. Zu Hause wird Samantha plötzlich grau, der Sex wird grau; die Pilotin sieht sich von oben, sieht sich überall überwacht.

«Am Boden» angekommen

Als der «Prophet» sein Auto schliesslich verlässt, wähnt sie sich euphorisch am Ziel und wartet auf den Befehl zum Abschuss. Doch sie meint in dem Kind auf dem Bildschirm, das der Prophet in den Armen hält, Samantha zu erkennen und kann den Befehl nicht ausführen.

Sie dreht die Drohne auf den Rücken, erhascht zum letzten Mal ein Stück blauen Himmel … Dann wird alles grau: Die Betonwände des Militärgefängnisses. Die namenlose Pilotin ist «am Boden» angekommen. Namenlos, da kein Einzelschicksal? Wann ist Krieg Krieg? Ist sie ein Kriegsopfer? «Wisset, Ihr seid nicht in Sicherheit», so ihre letzten Worte ins Publikum.