«Heute beginnt die Fasnacht», sagt Yvonne Lüthy und lächelt. Sie steht inmitten von prall gefüllten Kleiderständern im Pfarrsaal der Marienkirche und trägt ein Chesslerhemd. Ein untrügliches Zeichen, dass die närrischen Tage vor der Tür stehen. Noch ist es ruhig im Saal. Die Privilegierten, denen zuerst Einlass gewährt wurde, sind bereits auf dem Heimweg.

Die Plastiksäcke, mit denen sie das Gebäude verlassen haben, wogen schwer und waren prall gefüllt. Nun bildet sich vor dem Saaleingang eine neue Warteschlange. An der Fasnachtskleiderbörse werden jene bevorzugt, die eigene Kostüme zum Verkauf anbieten. Doch keine Angst, im Saal warten auf die zweite Gruppe noch genügend Schnäppchen.

Endlich ist es so weit, die Fasnachtsbegeisterten strömen in den Saal, und bald hat das sechsköpfige Team, das die Börse seit 19 Jahren organisiert, alle Hände voll zu tun. Mit dabei zahlreiche Helferinnen und Helfer, die gewährleisten, dass in den nächsten zweieinhalb Stunden alles rund läuft.

Augenschein von Nelly Mathys

Nicht zum Einkaufen, sondern zu einem kurzen Augenschein ist die frühere Modistin Nelly Mathys hier. Während vieler Jahre hat sie in der Vorfasnachtszeit Hüte angefertigt und närrisch garniert. «Jeder Lebensabschnitt setzt Grenzen», sagt sie, und ein bisschen Wehmut spricht aus ihrer Stimme. Doch man müsse loslassen können und sich darüber freuen, dass die Fasnachtstradition weiterlebe. «Die heutigen Frauen haben so viele Ideen und können, nicht zuletzt dank den neuzeitlichen Materialien, wunderbar nähen.»

Die kleine Lea zupft an einem Schleier, der sich um ein rosarotes Prinzessinnenkleidchen windet. «Den möchte ich haben», sagt sie zu ihrem Mami. Die junge Frau winkt ab: «Das geht nicht, dann müssen wir das Kleid kaufen.» Die Kinderecke ist heiss begehrt. «Die Kinder haben eine genaue Vorstellung, was sie haben möchten», weiss eine Teamfrau aus Erfahrung. «Am begehrtesten sind Tierkostüme oder sonst etwas, was sie kennen.» Nicht nachgelassen habe auch der Wunsch, in die Rolle eines Indianers oder eines Cowboys zu schlüpfen.

Drei junge Männer scherzen und haben offensichtlich Spass am bunten Treiben inmitten von Kleiderständern, die sich immer mehr auslichten. «Ich suche ein Schürzchen und ein Häubchen», sagt einer von ihnen. Wozu bleibt sein Geheimnis.

Hoch zu und her geht es bei einer Familie aus Zuchwil. «Ziehe jetzt die Jacke aus und probiere dieses Kleid», poltert der Vater, bei dem die Nerven angesichts der Sturheit seiner 14-jährigen Tochter blankliegen. Und er droht: «Nächstes Jahr komme ich nicht mehr mit.» Einen schweren Stand hat auch seine Frau, die ein braunes Fellkostüm aus dem Ständer zieht.

Dieses Mal geht es um ihn selbst. Doch auch er weiss genau, was er will. «Ich will doch nicht als Affe an die Fasnacht gehen, ich will etwas mit Flügeln», lässt er seiner Empörung freien Lauf. Mittlerweile präsentiert sich seine unfolgsame Tochter genau in dem Kleid, das er ihr empfohlen hat. Also doch. Der Teenager lächelt: «Ohne meinen Vater geht es besser.» Neben ihr steht eine Kollegin. Die beiden amüsieren sich, während der Vater endlich etwas Flügelähnliches gefunden hat.