Stadtbummel
Auf den Riecher kommt es an

Wolfgang Wagmann
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Den richtigen Riecher zu haben, ist derzeit wichtig. Zumal er jederzeit auch total ausfallen kann. In der Vorstadt half der Riecher früher oft den Hobby-Meteorologen weiter. Herrschte dort doch oft den ganzen Winter hindurch Halloween. «Süss oder sauer?» Beantwortet wurde die Frage durch die Kafferösterei und Essigsiederei Oetterli & Cie. Doch egal wie es roch – aromatisch nach Kaffeebohnen oder leicht säuerlich nach Vinaigre– bei einer dieser Duftnoten auf dem Dornacherplatz wusste man genau: Jetzt geht die Bise. Nun hat der Windanzeiger auch optisch bald ausgedient, ein Neubau ersetzt das Gewerbler-Denkmal mit dem Grafitto seines damaligen, schnauzbärigen Inhabers.

Neue Düfte bereichern nebst jenen der «heisse Marroni» die Altstadt. Parfüm wird neu an der Schmiedengasse kreiert. Grenouille, der Mann mit dem unschlagbaren Riecher aus dem gleichnamigen Roman, hätte seine Freude daran. Obwohl – würde der morbide Held wie in «Parfüm» so plastisch dargestellt, wirklich noch alles riechen? Vielleicht sogar das Virus – hinter der Maske? Er würde es. Denn Leute mit dem richtigen Riecher verfügen auch über einen sechsten Sinn. So wie jener Kater, der vor Jahren im Pflegeheim Forst eine geradezu unheimliche Eigenschaft an den Tag gelegt hatte: Hielt er sich plötzlich zutraulich in der Nähe einer Bewohnerin oder eines Bewohners auf, so verstarb die Person kurz darauf. Ein «Frühwarnsystem», auf das unsere Heime in diesen Tagen wohl noch so gerne verzichten würden. Aber in Skandinavien soll es tatsächlich einen Hund geben, der Corona erschnüffeln kann. Aber eben, das hatten wir in Solothurn schon viel früher – auch wenn es ein Kater war.

Welche Düfte wir in Solothurn so vermissen? Den einer «Sternen»-Pizza zum Beispiel. Wär das ein Weihnachtsgeschenk! Doch diesen Wunsch kann uns kein Christkind erfüllen. Und am 24. Dezember tun wir das allerletzte Türchen auf. Am Backofen. Dem ein himmlischer Duft entfleucht, wie es ihn nur einmal im Jahr gibt: Der gefüllte Truthahn will tranchiert werden. Will er das? Bestellt ist das liebe Federvieh. Doch müssen wir ihn jetzt schon… Und wer alles soll ihn… Nein, wir müssen gar nichts. Nicht an Heiligabend in der Einsiedelei auf Virensuche. Oder zu St.Ursen. Und schon gar nicht dutzendweise in einem Pfarrsaal. Wir müssen nichts, möglichst ganz und gar nichts tun. Aber wirklich kein Truthahn? Ach was – einfrieren und an Ostern auftischen. Wer den Riecher fürs Wetter hat weiss: Eher gibt’s weisse Ostern als weisse Weihnachten. Frohes Fest!