Solothurn

Auch wenn Rost an Hülle nagt: Innendrin ist das Kofmehl zeitlos geblieben

Das Kofmehl hat sich fürs Zehnjährige herausgeputzt.

Das Kofmehl hat sich fürs Zehnjährige herausgeputzt.

Die Feierlichkeiten zum 10-Jahres-Jubiläum vom Dienstag wurde von vielen Freunden der Kulturfabrik Kofmehl genutzt, um in lebhaften Erinnerungen an die ereignisreiche Dekate zu schwelgen.

Erinnerungen werden dadurch warmgehalten, dass man sie erzählt – oder erzählt bekommt. Beides wurde geboten, als am Dienstag die Kulturfabrik Kofmehl zur Jubiläumssause lud. Nicht musikalische Topacts gab es zu sehen, sondern die Stars des Alltags, die im Rostwürfel seit zehn Jahren ein- und ausgehen. Wo die Erinnerungen an die ereignisreiche Dekade noch lebhaft sind, wurden sie erzählt – für alles Übrige half das reich bebilderte Jubiläumsbuch nach. Helfer und Helfeshelfer sowie Behörden und Politiker erwiesen dem Kofmehl an diesem Tag der offenen Tür die Ehre – ebenso alle anderen Fans des Kulturbetriebs, oder jene, die es noch werden wollen.

Auch die 84-jährige Nelly Kocher gesellt sich in die Gruppe dieser Fans in spe, zusammen mit ihren beiden Urenkeln Marlon (2) und Emilia (3), deren Papa auch in der Kofmehl-Crew mitwirkt. Vier Generationen umfasst die gesellige Runde – und steht für die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre: Auch wenn der Rost an der Hülle nagt, innendrin ist das Kofmehl zeitlos geblieben und zeitgeistig geworden. «Das Kofmehl tut Solothurn gut», findet auch Nelly Kocher, die zwar noch nie Gelegenheit zu einem Konzertbesuch hatte. Nichtsdestotrotz weiss sie um die Wichtigkeit des Kulturbetriebs: «Würde er Solothurn weggenommen, dann wüsste ich nicht, wo die jungen Menschen hinkönnten», findet das Urgrosi.

Der Grenchner Politiker Matthias Meier-Moreno blickt – wie er sagt – mit «wohlwollend neidischem Blick» auf das Vorzeigeprojekt Kofmehl und erkennt darin die «findigen Menschen, die einander vertrauen und dabei gemeinsam etwas bewirken.» Die Graffiti an der Aussenwand erinnern ihn an seine allererste politische Aktion in Grenchen, eine legale Sprayerwand zu lancieren.

Einige der besagten findigen Leute verweilen gerade in der Raumbar, darunter Samed Akyol. Der 18-Jährige ist seit Januar im Flyer-Team – was man ihm am Körpereinsatz im wahrsten Sinne ansieht: Nicht nur, dass er in der Stadt Flugblätter verteilt – er wird selbst zur wandelnden Plakatfläche für Kofmehl-Werbung. Ihm, der auch noch in der Pfadi und im Jugendparlament mitwirkt, macht es einfach Spass, sich zu engagieren, verrät er.

«Ob in der Administration, an der Bar oder sonst wo: Wenn sich junge Menschen engagieren wollen, finden sie hier garantiert einen Platz und eine sinnvolle Beschäftigung», weiss Landammann Roland Heim, dessen ganze Familie hier ein- und ausgeht. Seine eigene Liedermacher-Passion wurde hier vor sieben Jahren von Neuem entfacht: «Nach über 25 Jahren Pause war es Booker Chrigu Stuber, der schuld ist, dass ich wieder auf die Bühne stieg», erinnert er sich. Seither ist Heim anlässlich der Kleinkunsttage schon mehrfach hier aufgetreten. Ebenso gern befindet sich aber auch auf der anderen Seite der Bühne: «Gustav hör ich gern, und während der Fasnacht bin ich auch oft hier.»

«Liebes Kofmehl, lass mich dir ein Liebesbriefli dichten, dir ein Kof-Mail schreiben»: Slampoet Kilian Ziegler liest seinen Beitrag im Jubiläumsbuch.

Slampoet Kilian Ziegler liest seinen Beitrag im Jubiläumsbuch.

Auch Stadtschreiber Hansjörg Boll, der als Stellvertreter von Kurt Fluri den Tag der offenen Tür besucht, erinnert sich gerne an vergangene Konzerte, wenn auch mit fahlem Beigeschmack, wie er scherzend zugibt: «Wenn man beispielsweise an einer Ü-Irgendwas-Party ist und merkt, dass man an einem blöden Ort ist, nämlich am richtigen.» Aber auch als schon Begleiter seiner Kinder stattete er der Kulturfabrik einen Besuch ab. «Bei Müslüm – und meine Kinder waren damals zehn und zwölf.» Nur eines sei peinlich gewesen, nämlich als Müslüm angesichts der übermässig vertretenen Kinderschar vor der Bühne mitteilte, dass seine Texte eigentlich nicht so jugendfrei seien.»

Eine ausnahmslos positive Geschichte haben Andrea Joss und Beni Roth in der Hinterhand: Im Februar 2006 haben sie sich hier in der Raumbar nach einem Konzert kennengelernt, Telefonnummern ausgetauscht, und sich wieder getroffen – zwei Monate später waren sie ein Paar: «Daraus ist Wunderbares entstanden», sagt Andrea Joss. «Und so ist das Kofmehl in unserem Leben sehr präsent geblieben.»

Das gilt auch für Peter Keller, der sich an seine Zeit der «Strafraumbar» erinnert. Damals zwischen 2005 und 2008 seien Championsleague- und Schweizer-Qualifikationsspiele gezeigt worden. Das Kofmehl als Entdeckerin von Public Viewing? Beim allgegenwärtigen Erfindergeist der Crew wäre es nicht erstaunlich. Später machte der Anlass Platz für neues: «Das ist bezeichnend dafür, dass sich das Kofmehl wandelt.»

Diesen Wandel sehen auch Jürg Stäuble und Reto Mosimann, wenn sie «ihr» Gebäude nach zehn Jahren anschauen. Die beiden Architekten der SSM Architekten AG haben damals den Bau entworfen. «Wir waren keine Kofmehlgänger und sind wie die Jungfrau zum Kinde zum Auftrag gekommen», erinnert sich Stäuble. Doch dieses Kind beäugen sie auch heute noch gerne, auch wenn es gewollt Rost angesetzt hat und um einige Verzierungen reicher geworden ist. «Es ist cool, dass sich die Hülle verändert – denn das verträgt sie auch», so Stäuble. Er lässt keinen Architektendünkel erkennen, wonach das Werk unbefleckt und unberührt bleiben muss. Und dabei hat es wegen der Bauweise und Realisierung weltweit Eingang in Fachmagazine gefunden. Mosimann pflichtet ihm bei: «Das Haus erfindet sich selbst immer wieder neu – mit dem Wechsel seiner Menschen.»

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