Kolpingfamilie Solothurn

Auch Solothurn bot Gesellen Gastfreundschaft

Sie vertreten die Kolping-Familie in Solothurn (v.l.): Karl Tschümperlin, Jubiläums-OK-Präsident, Theo Muntwyler und Präsident Peter Grandy.

Sie vertreten die Kolping-Familie in Solothurn (v.l.): Karl Tschümperlin, Jubiläums-OK-Präsident, Theo Muntwyler und Präsident Peter Grandy.

150 Jahre haben sich die Mitglieder der Kolpingfamilie Solothurn in einem traditionsreichen humanitären Verein engagiert. Die Pension an der Rathausgasse gibt es schon seit Jahren nicht mehr, der Verein existiert aber noch.

Am Sonntag feiert die Kolpingfamilie Solothurn mit einem Gottesdienst in der Weststadtkirche St. Marien um 10 Uhr ihren 150. Geburtstag. Der ehemalige Gesellenverein gehört zu den traditionsreichsten Vereinen der Pfarrei St. Ursen und ist Teil der Kolpingwerke in der Schweiz und in Deutschland.

Gegründet wurde die Bewegung durch den 1813 in Köln geborenen ehemaligen Schustergesellen und späteren Kaplan Adolf Kolping, der sich auch als kirchlicher Würdenträger den deutschen Handwerksgesellen annahm und deren Bildung förderte.

Kolpings Wirken blieb auch den Solothurner Katholiken nicht verborgen. 1863 setzte sich der damalige Dompropst Joseph Eggenschwiler mit einem noch im Original erhaltenen Brief mit Adolf Kolping in Verbindung und teilte ihm mit, dass man gedenke, auch in Solothurn einen Gesellenverein nach seinem Vorbild zu gründen.

Die Mitteilung war verbunden mit der Bitte, in die bereits stark um sich greifende Bewegung aufgenommen zu werden. In seiner wohlwollenden Antwort kündigte Kolping einen Besuch in der Schweiz an, einerseits um «in den Schweizer Bergen Ruhe und Erholung zu finden», anderseits aber auch, um bereits bestehende Schweizer Vereine zu besuchen.

Nicht eigentlich ein Verein

Wie in anderen Schweizer Städten fand man auch in Solothurn Gefallen an Kolpings Idee, den damals dringend nötigen sozialen Wandel durch die Veränderung des Menschen auf dem Boden des Christentums herbeizuführen. Im Vordergrund stand der tüchtige Familienvater und Bürger, der um seine ständige Weiterbildung besorgt ist, sich sozial engagiert und ein christliches Leben führt. «Wer Kolping richtig verstanden hat, kommt von dieser Geisteshaltung nicht mehr los», ist OK-Präsident Theo Muntwyler auch 150 Jahre nach der Gründung überzeugt.

Dass dies in einem gut strukturierten Verband besser zu verwirklichen ist, war von Anfang an klar. Vereinspräsident Peter Grandy fasst dies mit folgenden Worten zusammen: «Wir sehen uns nicht eigentlich als Verein, sondern als Gefäss, in dem sich alle wohlfühlen.»

Eigenes Haus an der Rathausgasse

Um dies zu verwirklichen, sehnten sich die Solothurner Gesellen von Anfang an nach einem eigenen Zuhause. Doch vorerst musste sich der junge Verein gedulden. Erst 1953 konnte der damalige Präses, Alfons Maria Glutz, die frohe Botschaft verkünden, dass das Haus Nr. 18 an der Rathausgasse dank einem Legat von Anna Glutz-Blotzheim in den Besitz des Gesellenvereins übergegangen sei.

Drei Jahre später wurde die Liegenschaft zu einer Pension mit 20 Wohneinheiten umgebaut. Damit erfüllte der Solothurner Gesellenverein einen weiteren Wunsch ihres Gründervaters, nämlich Handwerksgesellen auf der Wanderschaft eine Unterkunft anzubieten. Die verschiedenen Etappenorte wurden im sogenannten Wanderbüchlein eingetragen, auf das auch viele Solothurner Gesellen stolz sind.

Mitte der Siebzigerjahre wurde die Bezeichnung «Gesellenverein» weltweit durch den Namen «Kolpingfamilie» ersetzt. Damit stand auch der Aufnahme von Frauen und ganzen Familien nichts mehr im Weg. Allein in Solothurn verdoppelte sich dadurch die Mitgliederzahl auf heute rund 40 Aktiv- und 30 Passivmitglieder. Wandergesellen dagegen wurden immer seltener, was zur Folge hatte, dass auch die Pension an der Rathausgasse immer weniger gefragt war. Dank grosszügigen Geldgebern und viel Eigenleistung wurde das Haus erneut umgebaut.

Unter dem Namen «Esel» entstand im Erdgeschoss ein Restaurant, während die oberen Stockwerke in Büros und Wohnungen umfunktioniert wurden. Später mietete sich die Gassenküche im Kolpinghaus ein. Als diese in den «Adler» weiterzog, nahm die Stiftung Solodaris mit dem Restaurant Pfefferkorn deren Platz ein. Ganz im Sinn von Kolping, soziales Wirken in den Vordergrund zu stellen, ermöglicht diese öffentliche Gaststätte heute Menschen mit einer Beeinträchtigung Arbeit und eine Tagesstruktur.

Wie es weitergehen soll

Die Mitglieder der Solothurner Kolpingfamilie sind heute mehrheitlich im Rentenalter. Dadurch stellt sich unweigerlich die Frage nach der Zukunft des Vereins. «Die Frage, wie es weitergehen soll, können wir nicht beantworten», sagt Theo Muntwyler. «Was wir wissen ist, dass der Geist und die Ideen von Kolping weiterleben werden.»

Selbstverständlich seien die Aktivitäten durch die Überalterung eingeschränkt und niemand wolle den Totengräber spielen. Für die jährliche Wallfahrt zu Fuss nach Oberdorf oder Mariastein, einen Monatsjass und die gegenseitige Hilfe in Notsituation reicht es jedoch auch im fortgeschrittenen Alter.

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