Seit einem halben Jahr steht der Offene Bücherschrank im Kreuzackerpark an der Solothurner Aare. Unzählige Passanten flanieren täglich an ihm vorbei. Gross auffallen tut er nicht – die metallene Konstruktion fügt sich gut ein in das winterlich-bläuliche Solothurn. Doch eine wahre Leseratte lässt sich auch vom widrigsten Wetter nicht abhalten und so findet man auch in diesen Tage immer wieder Personen, die mit klammen Fingern in den Büchern schmökern. Heute hüpft eine Mutter ungeduldig von einem Bein aufs andere, während ihr Bub der Kälte trotzt und seelenruhig die Bücher durchstöbert.

Ein Geben und Nehmen

Hartwig Roth, Mitinitiant des Offenen Bücherschranks bestätigt, was bei einem Besuch des Schranks auffällt: «Das Projekt ist gut angelaufen und wird trotz winterlicher Kälte täglich besucht.» Es ist ein Nehmen und ein Geben: «An manchen Tagen müssen bis zu 50 Bücher nachgefüllt werden, dann gibt es Tage, an denen mehr Bücher gebracht als geholt werden.»

So halten sich Angebot und Nachfrage gut die Waage, und falls es einmal an Büchern mangeln würde, hat Roth in seinem Keller einen zusätzlichen Vorrat. «Bisher hatten wir keine Probleme mit Vandalismus, wir erhalten viel gute Literatur und müssen selten Bücher rausnehmen», freut er sich.

Leichte Literatur bevorzugt

Viele Regeln gibt es beim Offenen Bücherschrank nicht: Man kann Bücher holen und bringen, wann immer man möchte. Gefällt ein Werk, kann man es gerne behalten, auch ohne ein anderes dort zulassen. Reinstellen kann man Bücher, die in passablen Zustand sind, jedoch kein pornografisches, rassistisches oder gewaltverherrlichendes Material und auch keine Fachliteratur oder Lehrbücher. Vor allem Kinder- und Jugendbücher seien beliebt und auch aktuellere Bücher bleiben nie lange im Regal stehen.

Ein Blick in den Schrank zeigt, dass hauptsächlich leichte Freizeitliteratur vorhanden ist. Neben Klassikern, Krimis und Liebesromanen, finden sich auch ab und zu ein Kochbuch oder Bildbände auf den Ablagen. Nimmt man eines der zerlesenen Bücher heraus, fragt man sich, durch welche Hände es wohl schon gewandert ist und wo es noch landen wird. Manche finden nach dem Lesen den Weg zurück in den Offenen Bücherschrank, andere werden im Freundeskreis weitergegeben.

Wer zum Bücherschrank schaut

«Zwischen zehn und zwölf Personen wechseln sich in zweiwöchigen Abständen mit der Betreuung des Schranks ab», erklärt Roth. Viel haben sie jedoch nicht zu tun, zu putzen gibt es beinahe nichts und nur selten muss man ein kaputtes Buch rausnehmen oder sie neu aufreihen. «Etwa alle zwei Tage schauen sie beim Schrank vorbei und dabei kommt es regelmässig zu schönen Gesprächen mit anwesenden Lesern.» Dann werde nicht nur über die Literatur gesprochen, sondern über alles Mögliche. Einmal habe ihm eine Person ihr halbes Leben erzählt, erinnert sich Roth. Es war die Geschichte eines leidenschaftlichen Lesers, der vor einigen Jahren arbeitslos wurde und nun dank dem Offenen Bücherschrank seinem Hobby wieder voll und ganz frönen kann.

Nach der gelungenen Startphase schaut Hartwig Roth dem Frühling zuversichtlich entgegen. Mit der Wärme kommt die Zeit, in der sich die Leseratten auf einer Bank oder auf der Steinmauer entlang der Aare gemütlich machen können, um ihre Literatur zu verschlingen – und wer seine vergessen hat, kann sich schnell etwas aus dem Offenen Bücherschrank holen.