Stadt Solothurn
Asylkoordinatorin steht zwischen Amtspflicht und eigenen Überzeugungen

Helga Jurt kümmerte sich in den vergangenen 25 Jahren um die Belange der Asylsuchenden. Dieses Thema ist nach wie vor kritisch. Die Asylkoordinatorin versucht mit ihrer Arbeit Menschlichkeit zu vermitteln, ohne den amtlichen Rahmen zu sprengen.

Andreas Kaufmann
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Asylkoordinatorin Helga Jurt, wo sie noch bis zur Pensionierung nächsten Februar wirkt.

Asylkoordinatorin Helga Jurt, wo sie noch bis zur Pensionierung nächsten Februar wirkt.

Andreas Kaufmann

«Hallo» und «Ade» lernt sie bei Bedarf in jeder Sprache. Sie googelt nötigenfalls, wo ihr nächster Klient herkommt und wie es um sein Heimatland bestellt ist. Seit 25 Jahren ist Helga Jurt zuständig für die Asyl- und Flüchtlingskoordination der Sozialen Dienste – mit Wertschätzung für Menschen auf der Flucht: Vom Erstgespräch mit Asylsuchenden bis zur Begleitung jener Menschen, die den Flüchtlingsstatus zugesprochen erhalten, ist Jurt das vertraute Gesicht, die ratgebende Stimme. Und dies tut die dreifache Grossmutter und Ursolothurnerin noch bis zu ihrer Pensionierung im kommenden Februar.

Das Aufgabengebiet der Asylkoordinatorin reicht indes weit. Beispielsweise die Wohnungssuche: Es wird der Markt durchforstet, in Zeitungen inseriert, Immobilienverwalter und Kirchgemeinden werden angeschrieben, Möbel organisiert und Wohnungen eingerichtet. Wenns ums Zügeln geht, krempelt die Asylkoordinatorin auch selbst die Ärmel hoch – obschon fürs Grobe die Arbeitseinsätze der «Perspektiven»-Fachstelle herangezogen werden. Doch andere Schwerarbeit wartet auf sie: bei der Suche nach Unterkünften für Asylsuchende oder Flüchtlinge. «Wenn es darum geht, Wohnungen zu finden, hat es immer schon geharzt.» Ebenso herausfordernd die Einschulung der Kinder, begonnen mit der Kontaktaufnahme mit den Schulbehörden. Auch der Erstkontakt mit dem Arzt oder allfällige Notfallbehandlungen beim Zahnarzt fallen in ihr Ressort.

Schwierig sei es überdies, Ehrenamtliche für die Betreuung der Asylsuchenden zu gewinnen, sagt Jurt. Dies zeige sich aktuell bei der Abbruchliegenschaft im Gibelin, wo Mitte August 16 Asylsuchende einziehen sollen. Hier wirkt Jurt im Hintergrund administrativ mit, während Domenika Senti, Leiterin der Sozialen Dienste, die Federführung innehat. Gerade einmal vier Frauen haben sich bisher gemeldet. «Viele Menschen haben mit dem Asylthema ihre Schwierigkeiten: Sie haben zu wenig Informationen, um die Situation der Asylsuchenden zu beurteilen. Und das Wort am Stammtisch hat halt eine unglaubliche Kraft, herumgereicht zu werden.»

Seit 1990 bei der Stadt

Die Thematik um Asylsuchende hat sie stets interessiert, verrät Jurt rückblickend. Begonnen habe sie als Mitarbeiterin des Anwalts Ueli Kölliker, der sich für Asylsuchende starkgemacht hatte. Nach Auflösung der Kanzlei trat sie 1990 die Stelle als Asylkoordinatorin bei den Sozialen Diensten an: Bis dahin musste die Stadt offiziell keine Asylsuchenden aufnehmen. Aber nach einem Regierungsratsbeschluss von 1987 nahm man sämtliche Solothurner Einwohnergemeinden in die Pflicht.

Einigen dürfte die Asylbeauftragte an der vergangenen Gemeindeversammlung aufgefallen sein: So hat sie sich gegen Christian Baurs Motion geäussert, wonach die Stadt dem Kanton signalisieren sollte, 100 zusätzliche Asylplätze zu schaffen. «Ich kann die Grundidee der Motion zwar vollumfänglich unterstützen. Es ist wünschenswert, dass sich in der Bevölkerung eine stärkere Lobby für die Asylinteressen bildet.» Dennoch hätte die Motion ihre Ziele nicht erreichen können, sagt Jurt. Auf diese Weise würden nur andere Gemeinden entlastet, ohne dass das Aufnahmekontingent schweizweit grösser würde. Vielmehr brauche es eine Initiative der Städte, die dem Bund Aufnahmebereitschaft signalisiere.

Regional und kommunal scheint die Stadt Solothurn mit eigenen asylpolitischen Vorzügen zu punkten – ganz im Sinne von Jurt. So sei für Unterbringungen in kleineren Gruppen zu sorgen: «Zwar wohnen die Asylbewerber hier grossteils an wenigen Strassenzügen konzentriert, dort aber in kleinen Wohneinheiten.» Ebenso versucht sie, Wohngemeinschaften mit gleichen Ethnien zu bilden, um Konflikte zu vermeiden. Umgekehrt bestehe bei grossen Menschenansammlungen auch Aggressionspotenzial: «Einige der Menschen haben es durch ‹Ellbögele› hierher geschafft, und werden den Ellbogen auch hier gebrauchen», sagt Jurt nüchtern.

Menschlichkeit vermitteln

Wie schafft Jurt den Spagat zwischen dem amtlichen Zwang und der persönlichen Motivation, Gutes zu tun? Am Anfang ihrer Tätigkeit hatte sie damit Mühe. «Dann merkte ich: Du kannst den amtlichen Rahmen nicht sprengen, aber du kannst in diesem Rahmen Menschlichkeit vermitteln. Du musst ihnen erklären, dass du das Gesetz nicht ändern kannst, aber ihre Nöte verstehst.» Umgekehrt bringen die Klienten auch Verständnis entgegen, dass man oft selbst nicht viel mehr machen kann. Immerhin: Sie kann Netzwerke aufzeigen, Kontakte vermitteln, zu Freiwilligen, und diese wiederum zu Vereinen und anderen Institutionen, die die hohen kulturellen Barrieren zur hiesigen Bevölkerung abbauen. Das sind Momente, in denen die Wertschätzung dann wieder zu ihr zurückkommt – eine, die gegenüber der Undankbarkeit immer überwiegt.

Daneben gibt es auch negative Begegnungen, «die aber nichts mit der Klientel zu tun haben». Mit Konflikten zu kämpfen haben ebenfalls ihre anderen Arbeitskollegen der Sozialen Dienste. Doch sie erlebt auch kulturelle Reibungsflächen: «Vor allem, als ich jünger war, kamen mir einige muslimische junge Männer frech.» Mit zunehmendem Alter habe die Klientel immer mehr auch eine Mutterrolle auf Helga Jurt projiziert: «Und obwohl diese Rolle nicht meiner Aufgabenstellung entspricht: Es war ein Zeichen, dass ich den Respektbonus geniesse.» So werde gerade menschliche Reife aus der Warte anderer Kulturen hoch angesehen.

Wegweiser auf der Erfolgsleiter

Auch mit den Schicksalen schier unüberwindbarer traumatischer Erlebnisse kommt Jurt in Berührung: «Am Anfang kommen die Asylsuchenden gar nicht dazu, ihre Traumata zu erzählen. Zunächst stecken sie sie in Schubladen, unterdrücken sie. Denn zuerst müssen sie Vertrauen zu mir aufbauen.» Thematisiert werden diese Erlebnisse im Asylprozess ohnehin erst, wenn sich sonst kein Fortschritt mehr abzeichne und Blockaden vermutet werden: «Wenn zudem Vertrauen aufgebaut ist, hinterfrage ich, was den Klienten belastet. Doch auch dann kann ich ihn lediglich weitervermitteln – denn eine Psychologin oder Psychiaterin bin ich nicht.»

Dann wiederum kann Jurt auf Erfolgserlebnisse zurückblicken. Dies zeigt sie am Beispiel des 30-jährigen eritreischen Lehrers, der wie andere Eritreer lange im Asylverfahren verweilte: «Ich will Deutschkurse besuchen, und dann studieren und arbeiten», beteuerte er. Nun durfte er aber nur sporadisch Sprachkurse besuchen, da während des Asylverfahrens im Gegensatz zum Flüchtlingsstatus die integrativen Massnahmen reduziert sind. «Hab Geduld», musste ihm Helga Jurt stets sagen und skizzierte – wie sie das oft tut – in einer Zeichnung, wie es für ihn weitergehen könnte. «Ich habe ihm die Erfolgsleiter gemalt: ‹Du bist hier auf halber Strecke angekommen, und da wollen wir hin.›» Fazit: Nach dem positiven Asylentscheid konnte der Eritreer eine zweijährige Bürolehre absolvieren. Heute ist er verheiratet und Vater eines Sohnes. Jurt erzählt nicht ohne Stolz von Happy Ends – wie diesem.

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