Solothurn

Astronaut Claude Nicollier: «Wenn man da oben ist, möchte man dort bleiben»

Claude Nicollier, der einzige Schweizer Astronaut, faszinierte als Gastreferent ein 350-köpfiges Publikum an der Akademie der Generationen in Solothurn. Er erzählte von seinen Weltraum-Missionen, Frauen im All und Religion.

«Heute liegt etwas in der Luft. Im Nationalrat ging es um den Gripen. Aber er kriegt ja alles in die Finger, was fliegt.» Soviel von Stadtpräsident Kurt Fluri zu Gastreferent Claude Nicollier, der Ruedi Erzer und seiner Akademie der Generationen zum Start der Herbstsaison einen vollen Konzertsaal beschert.

Der einzige Schweizer Astronaut - er hatte 1992 mit seiner Weltall-Premiere Adolf Ogi zum Bonmot «Freude herrscht!» bewegt - fackelt nicht lange: Rasant geht es auf eine Flugreise mit Bücker Jungmann, Pilatus PC 9, DH Vampire, dem Hunter - einer «fantastischen Maschine» - dem «Tiger» und der DC 9.

Disziplinierte Arbeit und perfekte Vorbereitung von Einsätzen habe er in der Luftwaffe gelernt. Noch ein Jet: der zweisitzige Trainer T 38, äusserlich eher ein Kampfflugzeug. «Davon hatten wir bei der NASA 30 Stück. Unsere ‹Geschäftsfahrzeuge›, mit denen wir mit Mach 0,9 rasch von Houston nach L. A. flogen. Das Zahnbürstli hatte keinen Platz im Cockpit, der Pijama wurde in einem Behälter an den Tragflächen mitgeführt.»

Die NASA. An sich hätte Nicollier schon 1985 mit dem 2000 Tonnen schweren Space Shuttle auf 28 000 km/h beschleunigen sollen, um die Erdumlaufbahn zu erreichen. Dies misslang aber der «Challenger» 1986, wobei die ganze Crew ihr Leben verlor.

«Ich musste zwölf Jahre auf meinen ersten Flug ins All warten.» Und trainieren. In Wassertanks lernen, mit der Schwerelosigkeit umzugehen, «damit man sich nicht beim Anziehen einer kleinen Schaube um sich selber dreht.»

Ein Risiko, das Nicollier auf seiner spektakulärsten Reise erwartete: 1999, als er hilft, das lädierte Weltraum-Teleskop Hubble wieder auf Vordermann zu bringen. Und bei der Reparatur mit dem Teleskoparm Schweizer Präzisionsarbeit leistet. Erstmals durfte er auch aussteigen ins All.

«Wenn man da oben ist, möchte man dort bleiben. Eine Mission von 13 Tagen ist viel zu kurz», lässt Nicollier Wehmut durchschimmern.

Die Fragerunde. Ein Behinderter möchte wissen, ob Menschen wie er bei der NASA eine Job-Chance hätte. Ja, hätten sie. Ein Student freut sich, künftig bei Nicollier studieren zu können. «Nett, Sie kennen zu lernen.» Nicollier lächelt smart.

«Hunter-Flüge mit Passagier?» «Ja, wir haben eine Website.» Eine Warteliste erwähnt der ehemalige Kampfpilot nicht. Schon über 80-jährige seien nach dem erforderlichen medizinischen Check mit ihm geflogen. Offen bleibt, ob Nicollier dann noch selber fliegt - wenn der Interessent vielleicht zum Zuge kommt.

Frauen dagegen waren schon einige im All. Wie das so sei, mit den Frauen? «Sie wollen wie ein Mann behandelt werden. Zu fragen, ob sie uns einen Kaffee bringt, wäre gar keine gute Idee.» Eine US-Astronautin habe sogar das Kommando einer Raumfähre übernommen, «sie war ein sehr guter Kommandant.» Nicollier sagt nicht «Kommandantin».

Den Unterschied aber, den gibts. «Wir haben die Privatsphäre der Frauen stets respektiert.» Nicollier muss es wissen, er flog zweimal mit Kolleginnen ins All.

Schwester Sara Martina ist auch im Saal. Schliesslich begegnet man nicht alle Tage einem Mann, der schon ein bisschen im Himmel gewesen ist.

Die Publikumsfrage dürfte die Schwester speziell interessiert haben: Wie wirkt sich der Aufenthalt im All auf die Religiosität aus? «Nun, es gibt schon Astronauten, die nicht reagieren. Aber viele empfinden im All starke Emotionen. Das ging auch mir so», erklärt Nicollier. Und einige Kollegen seien nach ihrer Rückkehr auf die Erde «sehr religiös» geworden.

Herr Nicollier, hatten sie schon jemals Angst?» Ein kurzer Moment verstreicht, Stille im Konzertsaal. «Nein.» Nicollier zögert, weiss, das klingt zu absolut. «Ich hatte nur Angst, einen dummen Fehler zu begehen. Einen ungesicherten Schraubenzieher im All zu verlieren. Und damit die ganze Mission nicht erfüllen zu können.» Aber es ist ihm nie so etwas passiert, dem Perfektionisten. Nur «kleine Fehler» gabs. Welche, das lässt Nicollier offen.

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