Kabinett für Trivialliteratur
«Aschenbrödel und Dollarprinz»: Solothurn besitzt ein Buch, das es sonst nirgends gibt

Ein von der deutschen Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler veröffentlichtes Buch landet mit viel Glück im Kabinett für Trivialliteratur – und dieses Buch gibt's in keiner anderen Bibliothek

Helmuth Zipperlen
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In keiner anderen Bibliothek gibt es das Buch «Aschenbrödel und Dollarprinz» nur in Solothurn (Symbolbild)

In keiner anderen Bibliothek gibt es das Buch «Aschenbrödel und Dollarprinz» nur in Solothurn (Symbolbild)

Keystone

Manchmal braucht es Geduld, Beziehungen und Glück, um zu einem raren Buch zu kommen. Vor 150 Jahren – am 18. Februar 1867 – ist die um 1930 meistgelesene deutsche Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler im thüringischen Nebra auf die Welt gekommen. Von der Literaturkritik ignoriert oder verrissen, wurde sie in der Weimarer Republik zur unumstrittenen Volksschriftstellerin. Die Auflage ihrer Romane erreichte stolze 40 Millionen Bücher. Natürlich sind so Titel wie «Nach dunklen Schatten das Glück» nicht für die Ewigkeit geschrieben.

Wenngleich der literarische Gehalt ihrer Werke zweifelhaft ist, erfährt man doch viel über das Leben in der damaligen Zeit und vor allem über die Träume des einfachen Volkes. Sie selbst fasste ihre Romane als Märchen für Erwachsene auf. Mit einer unerhörten Schaffenskraft, verbunden mit viel Fantasie, schrieb sie allein zwischen 1920 und 1930 70 Romane. Ihr Erfolg endete zwischenzeitlich 1933, als in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht kamen und sie sich weigerte für das «Tausendjährige Reich» tätig zu sein. Sie schrieb nicht mehr. Ihre Bücher wurden zwar nicht verboten, aber mit der Zeit wurde für sie kein Papier mehr zugeteilt. Nach 1945 setzte sie ihre schriftstellerische Karriere fort und veröffentlichte mit 80 Jahren, drei Jahre vor ihrem Tod, ihren letzten Roman «Flucht in den Frieden». An den Kiosken gibt es immer noch die Bastei-Hefte mit ihren Romanen und auch Hörbücher.

Im Kabinett für Trivialliteratur

Über 60 Romane von Hedwig Courths-Mahler weist das Kabinett für sentimentale Trivialliteratur in Solothurn auf. Dazu kommen weitere Bände der schriftstellernden Töchter der Bestsellerautorin Friede Birkner und Margarete Elzer. In Zusammenarbeit mit dem Germanistischen Institut der Universität Bern gab es 2011 im Kabinett eine Ausstellung zum Thema Erfolgsmodell Aschenbrödel – Literarische Darstellungen des Aschenputtels seit dem 19. Jahrhundert. Dabei konnten die für das Kabinett wichtigen Autorinnen Marlitt und Courths-Mahler nicht fehlen. Der Berner Literaturwissenschaftler Jesko Reiling wusste, dass Courths-Mahler einen Roman «Aschenbrödel und Dollarprinz» geschrieben hatte, konnte aber in keiner Bibliothek des deutschsprachigen Raumes ein Exemplar auftreiben.

Auch das Kabinett besass ausgerechnet dieses Werk nicht. Das wollte die Stifterin des Kabinetts, Lotte Ravicini-Tschumi, nicht einfach so hinnehmen. Sie setzte ihr Beziehungsnetz in Bewegung. Roswitha Hartmann vom Hedwig Courths-Mahler Archiv in Nebra schenkte dem Kabinett eine Heftli-Ausgabe vom Bastei-Verlag. Der Schönheitsfehler war, dass der Roman auf die standardisierte Seitenzahl des Heftes gekürzt war. Cecile Eggenschwiler von der Zentralbibliothek Solothurn stellte die Suche nach diesem Buch ins Internet. Und sie wurde fündig. Das Celler Versandantiquariat Thomas Ehbrecht in Eichlingen hatte ein Exemplar der Erstausgabe aus dem Jahre 1930. Der Antiquar wusste wohl um die Rarität dieses Buches, denn er verlangte dafür immerhin 120 Euro. Lotte Ravicini, glücklich dieses rare Buch nun auch in ihrem Kabinett zu haben, entschloss sich zum Kauf. Und wer die Courths-Mahler als rein sentimentale Geschichtenerzählerin betrachtet hat, musste nach Lektüre dieses Romans feststellen, dass die Autorin durchaus komödiantisch und mit Witz und Ironie schreiben konnte. Damit beherbergt Solothurn ein Buch, das sonst in keiner Bibliothek zu finden ist.