Adventskalender
Arzt der Obach behandelte «hochgerechnet wohl ganz Solothurn einmal»

In der Adventszeit öffnen wir jeden Tag eine interessante Tür im Kanton und schauen, was sich dahinter verbirgt. An diesem 3. Dezember werfen wir einen Blick hinter die Türe zum Operationssaal in der Privatklinik Obach in Solothurn.

Wolfgang Wagmann
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Zu Besuch in der Privatklinik Obach bei Anästhesiearzt Felix Itin
7 Bilder
Dr. Felix Itin hat nur noch bis Ende Jahr Zugang zum Operationssaal.
Auch der Autor musste sich ins korrekte Outfit für den Operationssaal stürzen
Die Pinwand von Felix Itin ist schon bald Geschichte
Die Privatklinik Obach, als Felix Itin dort zu arbeiten begann
Erinnerung an die Zeiten bei der Sanitätspolizei Bern
Ein einschläferndes Relikt aus alten Zeiten

Zu Besuch in der Privatklinik Obach bei Anästhesiearzt Felix Itin

Wolfgang Wagmann

Der Dresscode muss sein, für diese Türe zum OPS. Ausziehen bis auf die Unterhose, blaues Hemd und Hose, Gummi-Zoggeli. Mundschutz und Kappe aus Papier. Für Felix Itin, den milde lächelnden Herrenausstatter, reine Routine.

Er ist schon passend ausstaffiert für unseren Fototermin vor der Tür zum Operationssaal der Privatklinik Obach. Drinnen wird tatsächlich operiert, ausser der Nasenspitze unter dem weissen Garnhäubchen ist von der Patientin nichts zu sehen.

Sie schläft. Dank dem Anästhesiearzt Felix Itin. «Rund 1300 Narkosen waren es im Jahr.» Ende Monat ist damit Schluss. Nach 29 Obach-Jahren geht er mit 65 in Pension. «Hochgerechnet war wohl ganz Solothurn einmal bei mir.»

Start als Rettungsspezialist

Felix Itins Weg zum Anästhesiearzt war kein gerader. «Ich komme vom Rettungswesen. Angefangen habe ich als Rettungsschwimmer.» Mit den entsprechenden Brevets stieg er zum Chefarzt der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft SLRG auf.

Acht Jahre blieb er in dieser Funktion. Zuvor hatte Itin während des Studiums einen Teilzeitjob bei der Sanitätspolizei Bern und bildete die Bern Samariter aus. Dazu gab er ein Büchlein für Erste Hilfe heraus, das Professor Tschirren, Chefarzt für Anästhesie im Inselspital, auf den jungen, strebsamen Mann aufmerksam machte.

Er könne nach dem Studium als Assistenzarzt arbeiten. Bern war auch aus einem anderen Grund für Felix Itin wichtig: «Als die Rettungsflugwacht ihre neue Rega-Basis in Bern/Belpmoos eröffnete, flog ich in Teilzeit als Arzt mit.»

23 Jahre nahm er so an strapaziösen und heiklen Einsätzen wie Bergungen aus dem Helikopter mit der Seilwinde teil. «Und heute ist mein Sohn Rega-Pilot», deutet Felix Itin stolz auf die Pinwand, wo auch ein roter Heli prangt. Nebenan ein grosser gelber Rettungsring als Dank für die Dienste in der Berner Sanitätspolizei.

Der «Obächler»

Solothurn lockte ihn zuerst ins Bürgerspital. «Das waren zwei schöne Jahre.» Doch der Oberarzt wurde 1986 von Peter Nadelhaft angefragt, ob er als Narkosearzt in die Privatklinik Obach wechseln wolle.

«Bis dahin war die Anästhesie durch eine Krankenschwester betreut worden.» Damit wurde Itin einer der «Sieben Aufrechten», ein «Obächler». Mit zinslosen Darlehen hielten die Genossenschaftsärzte in schwierigen Zeiten die Privatklinik über Wasser.

Der Umgang war unkompliziert. «Als ich ein Sauerstoff-Messgerät brauchte, wurde um zehn vor zwölf in der Mensa eine kurzfristige Generalversammlung einberufen. Und ich erhielt das Gerät.» Doch rasch wurde alles anders.

1989 erhielt Felix Itin den Auftrag, die Klinik in das Computerzeitalter zu führen. Er zog Andy Bourquin bei, «damals noch bei der Visura.» 1993 sollte Bourquin Verwalter der Privatklinik Obach werden und deren Ausbau zielstrebig vorantreiben.

«Abreissen oder Neubau war damals die Frage» – man entschied sich für ein etappiertes Vorgehen unter Einbezug des Altbaus. 2012 war dann Felix Itin speziell gefordert: Als Präsident der Ärzte-Genossenschaft trug er die Verantwortung für den Verkauf der Privatklinik an die Genolier-Gruppe.

Für ihn heute noch ein richtiger Entscheid. «Einzelkämpfer im Medizinalbereich sind heute einem enormen Druck ausgesetzt.»

Haftpflicht nie gebraucht

«Die Anästhesie ist sicherer geworden. Man kann heute laufend alles überprüfen und erzielt eigentlich immer eine Punktlandung», trauert Itin keineswegs den Zeiten nach, als nur mit Chlorophorm und Äther für «e tüüfe, gsunde Schlaf» zu sorgen war, damit der Patient auch wirklich weg war, keinen Schmerz empfand und sich auf dem Operationstisch nicht mehr bewegte.

Felix Itin ist glücklich und seinen Patienten auch dankbar, dass fast alles immer gut ging. «Ich brauchte meine Haftpflichtversicherung nie.» Nur dreimal sei ein Zahn geflogen, «so alle zehn Jahre.»

Viel gebracht habe aber auch die Einführung der Anästhesie-Sprechstunde. «Damit kann man dem Patient die Angst vor der Operation nehmen.»

In vier Wochen ist die «Ära Itin» im Obach Geschichte. Und er hat Zeit für neue Pläne: «Ich werde wieder studieren. Astrophysik. Das hat viel mit Philosophie zu tun», beginnt er vom neuen Lebenskapitel über den Urknall oder Andromeda-Nebel zu schwärmen.

Nein, einen Abschluss strebe er nicht mehr an, er könne mit einem Hörerschein alles mitmachen, ohne Abschlussdruck. Denn, beginnt er zu philosophieren, «wenn ich hier mein Büro verlasse, sind alle die Diplome hier an der Wand nichts mehr wert.

Ich kann sie rauchen.» So müsse er seinen Arztausweis abgeben und «ich darf nur noch für mich oder mein engstes Umfeld Rezepte ausstellen.» Aber, fügt er mit einem Lächeln an, «man soll gehen, solange die Party noch gut ist.»

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