Über die Ernährung werden Glaubenskriege geführt. Nicht selten stehen sich in den Schützengräben Fleischesser und Vegetarier oder Veganer gegenüber. Doch es gibt eine friedliche Zone abseits der Anfeindungen und Vorurteile.

Die «Grüeni Chuchi», die diese Woche ihren Betrieb aufgenommen hat und am Samstag offiziell eröffnet, gehört in diese Zone. Das Quartierlädeli bietet ausschliesslich pflanzliche Produkte an, ohne die Geschäftsidee zur Ideologie werden zu lassen.

Rund 2000 Produkte vom WC-Papier bis zum Wein und vom Rahm bis zum Weichkäse, Produkte, die ohne tierische Bestandteile oder Hilfsstoffe auskommen, sollen aufzeigen, dass Veganismus in Vielfalt mündet und nicht im Verzicht, egal ob man ihn «teilzeitig» oder in «Vollzeit» praktiziert. 

Der neue Quartierladen der Vorstadt: Die «Grüeni Chuchi»

Der neue Quartierladen der Vorstadt: Die «Grüeni Chuchi». Anja Hänggi erzählt, wieso Solothurn einen solchen Laden braucht.

Hinter dem Kerngedanken «Veganismus gesunde Art vermitteln, ohne einen Hype daraus zu machen» steht Geschäftsinhaberin Anja Hänggi. Die vierfache Mutter hat mit ihrem Mann vor vier Jahren den veganen Lebensstil entdeckt, «wenn auch biologische Themen in der Familie schon immer präsent waren.»

Als Geschäftsführerin steht ihr Schwester Vera Reber zur Seite. Selbst Fleischesserin, sieht Reber als Koch auch gerne mal Tofu im Salat. Auch Ibolya Horvath hilft im Laden mit: Seit Kurzem vollvegan, kämpft sie als Kaffeeliebhaberin aber mit dem Milchverzicht: «Und Sojamilch vertrage ich nicht.»

Veganismus im Trend

Was vor wenigen Jahren als Randerscheinung sein Dasein fristete, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen: als Haltung, aber auch als Trend oder Verkaufsidee. «Damals war man auf dem Land noch Aussenseiter», weiss Hänggi, die in Rüttenen auf einem Hof lebt.

Damals half sie mit, mit ihrem Schwager in Davos einen Bioladen zu errichten, «aus Freude an der Sache». Mittlerweile sei der vegane Markt gewachsen – und Hänggi landete so unverhofft in einem wirtschaftlich aufstrebenden Zweig.

Durch Liegenschaftsbesitzer Martin Tschumi hat sie schliesslich an der Berntorstrasse 8 ihren Traumladen gefunden. Ob sie mit Solothurn einen absatzstarken Standort gewählt hat, hat Hänggi nicht detailliert unter die Lupe genommen.

«Da mache ich mir keine Sorgen», sagt sie, wohlwissend, dass eine Nachfrage besteht, die sich durch die veränderten Lebensgewohnheiten bestätigen lässt. Tatsächlich sind vegane Shops rar gesäht.

Gemäss Webseite der Veganen Gesellschaft Schweiz gibt es Lokalitäten in Zürich, Basel, Schaffhausen, Winterthur und Werdenberg (SG). Zwar haben neben Online-Shops auch Reformhäuser und Grossisten den Trend erkannt.

Oftmals ist dort aber nur eine eingeschränkte Warenpalette erhältlich. Und wie Hänggi bestätigt, geben diese Geschäfte oft wenig Orientierung: Wie kann man vielfältig vegan kochen? Wie macht die vegane Küche auch Kindern Spass?

Und wie gewöhnt sich ein Einsteiger daran? «Auch ich musste feststellen, dass diese Ernährung mehr als nur ‹Chärnli und Sprossä› bedeutet», sagt Vera Reber. Die einzige Mangelerscheinung, mit der gerade Neueinsteiger zu kämpfen scheinen, ist denn auch mangelnde Information.

Ideologiefreie Tischrunde

In diese Nische springen will auch die «Grüeni Chuchi». Künftig geplant sind auch Anlässe, in denen umweltspezifische Themen zur Sprache kommen. Ausserdem lädt der Tisch im Laden zum entschleunigten Einkauf und zum Gespräch ein – ideologiefrei: «Uns liegt es fern zu urteilen», sagt Hänggi.

«Es gibt sowohl ethische, ökologische, aber auch gesundheitliche Aspekte, die eine Rolle spielen können. Jeder Mensch soll sich entscheiden, welchen Weg er geht.»

Dies tut auch die 85-jährige Besucherin Rosemarie Süsstrunk, die für ihre vegane Tochter den Laden auskundschaftet: «Aber ich frage mich dabei auch, was ich an meiner eigenen Lebensweise verbessern kann.»