Die Mitreisenden sitzen hinter dem Klebeband, das den äusseren Bereich der Bühne darstellt, die fünf Tänzer hingegen stehen direkt hinter der offenen Tür des Adlersaales. Die ersten Klavierklänge vergehen im Raum, dann treten die Tänzer eng beieinander hinein. Ihre Bewegungen sind fliessend, während sie sich langsam durch den Saal bewegen, an Choreografin und Anja Gysin vorbei, die ihr Notizbuch vor sich aufgeschlagen hat und sich Notizen zum Durchlauf macht. Immer wieder gibt es Instruktionen von ihrer Seite.

Laien und Profis

Das Stück «Bon Voyage», einstudiert von der Dance Company Between lines (Theater Orchester Biel Solothurn) schafft eine spezielle Atmosphäre, nicht nur durch deren Inhalt, sondern weil Laien wie Profis darin mitwirken. Das Stück handelt von fünf Menschen, die die Koffer packen und ihre Reise antreten, wobei sie immer wieder anderen Reisenden begegnen. Gysin arbeitet oft mit Laien zusammen. «Die Profis haben Routine, die Laien nicht. Sie haben somit eine ganz andere Energie und bringen etwas Erfrischendes in die Gruppe», beschreibt die Solothurnerin die spezielle Atmosphäre. Dazu käme, dass die Laien Profis bei der Arbeit sähen und so etwas von ihnen mitnehmen könnten.

Die Tänzer sind Mileen Borgonion, Marta Capaccioli, Sylvain Hemeryck, Karolin Stächele und Kathrin Knöpfle. Sie stammen aus Deutschland, Italien, Frankreich und Belgien; die 16 Laien jedoch sind aus dem Raum Solothurn. Nur noch ein Tag bleibt bis zur Premiere und die intensiven Proben haben es in sich: Im April traf sich Gysin mit den Tänzern, um das genaue Konzept des Stücks zu entwerfen, im September kam sie mit den Mitreisenden zusammen. Seit Montag proben die Profis und Laien täglich gemeinsam; man musste sich zur Anwesenheit verpflichten, um teilnehmen zu können.

Breites Altersspektrum

Die 16 Laien setzen sich aus Erwachsenen aus verschiedenen Altersgruppen zusammen. Die älteste Tänzerin ist 70. Dabei musste man weder Bühnenerfahrung noch tänzerische Ausbildungen mitbringen. Lediglich das Bedürfnis zur Bühnenpräsenz muss vorhanden sein. «Ich habe das letzte Stück von Anja Gysin gesehen und war begeistert, so habe ich mich sofort angemeldet, als ich die Ausschreibung sah», erklärt Janine Caviezel (70). Die Teilnehmer sind verschiedentlich auf die Ausschreibung gekommen, so auch via Facebook. Mehrfach wird von den Laien die gute Gruppenzusammensetzung erwähnt. «Es gibt keine Konkurrenz», so Caviezel. Ursula Affolter (53) meint: «Die Intensität der Gruppe ist sehr schön, alle sind präsent und machen ihre Aufgabe.» Dabei fühlen sich die Mitreisenden integriert. So sei man nicht nur Statist, sondern trotzdem ein Individuum. Ihre Rolle im Stück beschreiben die Laien damit, dass sie ein bestimmtes Gefühl in die verschiedenen Reisebilder geben: Manchmal seien sie im Hintergrund, manchmal mitten unter den Tänzern.

In der letzten Probewoche gehts um den letzten Schliff; noch nicht alle Bewegungen sind definitiv gesetzt. In den Proben beobachtet Gysin alles von der Zuschauerseite aus und feilt an der Wirkung, die sie erzeugen will. Sie sieht «Bon Voyage» als Fortsetzung und zugleich Gegensatz zu ihrem letzten Stück «Willkommen zu Hause», das vor einem Jahr aufgeführt wurde. Wie sie verrät, möchte sie eine Trilogie schaffen.

Viele verschiedene Bilder

Plötzlich wird es hektisch: Die fünf Tänzer rennen durch den Raum, dann werden sie ruhig, legen sich und setzen sich hin. Nur Momente später kommen die Mitreisenden auf die Bühne und vermischen sich mit ihnen, während alle in unterschiedlicher Geschwindigkeit durcheinander gehen und einander tragen. Das Stück hat etwas Meditatives und kreiert viele verschiedene Bilder. Eines wird durch rhythmisches Schliessen und Öffnen der Augen erzeugt.

In einem anderen stossen sich die Tänzer pantomimisch im Kreis weg, wobei dies sanft, aber auch durch rasche Springbewegungen geschieht. Ein Dialog zwischen zwei Tänzern führt dazu, dass die Tänzerin auf die Bitte des Tänzers hin auf dessen Schulter zu weinen beginnt. Plötzlich verschränken sich die beiden ineinander und gehen langsam zu Boden. Die Musik, komponiert von Samuel Blatter (Hägendorf), gibt die Emotionen wieder, die man beim Reisen empfindet. Nicht nur durch Instrumente. Einmal hört man fliessendes Wasser, ein anderes Mal Menschen durcheinandersprechen.

«Bon Voyage» wird am 7. und am 16. November in der Rythalle aufgeführt. Vorstellungsbeginn: 19.30/19 Uhr.