Nicht nur Satire-Grossmeister Andreas Thiel riskiert bei jedem seiner Auftritte, wegen des obligaten Schämpis-Rituals mit Brummschädel zu Bett zu gehen. Sein humoristisches, zuweilen böses Schnellfeuer kann mit den auf Hochbetrieb laufenden Synapsen seines Publikums durchaus denselben Effekt haben.

Doch das ist gewollt und gewünscht, auch vom Solothurner Publikum. Obwohl Thiel zunächst Sorgen andeutete, in dieser Stadt nicht allzu hoch in der Gunst der Leute zu stehen. Hier, wo er anno dazumal laut Biografie als Kellner sein inneres «Enfant terrible» nach aussen kehrte und gar den Rauswurf aus der Kanti zu erleiden hatte.

Über Humor und dessen Fehlen

Dabei ist dem liberalen Geist alles andere als ein Leidensweg ins Gesicht und auf die Frisur geschrieben. Im Gegenteil: Sein lachwissenschaftlicher Prolog zur Einstimmung liess ganz andere Schlüsse zu: «Das Gegenteil von Humor ist nicht Ernsthaftigkeit, sondern Frustration», was nicht zuletzt gegen die aktuelle Humordebatte abzielt.

Und Comedy sei - als Abgrenzung zur Satire - dafür da, dass auch humorlose Menschen was zu lachen haben. Logisch betrachtet waren an diesem Abend also alles andere als humorlose Leute im ausverkauften Kuppelsaal des «Kulturm» zu Gast: Denn Thiel bot Satire vom Feinsten, und die Leute lachten.

Andreas Thiel im Kulturm

Andreas Thiel im Interview

Nicht nur, wenn der Gesamtbundesrat sein Fett wegkriegt - also «Tunnelbohrmaschine» Leuthard, Berset, die «brennende Lunte ohne Bombe» oder «Sprengkopf» Maurer. Dass Thiel dann auch die Steinerschule durch den Schämpis zieht, hat wiederum mit Vergangenheitsaufarbeitung zu tun.

Zwar hatte er Bestnoten im Fach «Wiedergeburt», was sich auch daran zeigt, dass in seinem Programm auch die Themen erfolgreich «reinkarnieren». Und doch kam er aber doch immer wieder wegen «nichtvegetarischer Streiche» in die Strafeurythmie oder musste 150 Mal den Satz «Du sollst nicht lügen» tanzen.

Ein poetisches Feuerwerk zündete Thiel mit der Betrachtung seines früheren Zuhauses Island, bevor das mit knurrendem «R» vorgetragene Naturschausspiel in puren Dadaismus abdriftet. Wenn plötzlich eine Dampflok um einen Seerosenteich fährt - mit einem blauen Flamingo als Passagier, der auf einem warmen Konfitürenglas sitzt, dann ist das Eigenmarke Thiel.

Und wenn sich aus dem Publikum jemand wegen Notdurft empfiehlt, baut Thiel auch dieses Vorkommnis situationskomödiantisch und ohne Verschnaufpause in seine isländische Poesie mit ein.

Doch auch über Energiepolitik kann man bei Andreas Thiel etwas lernen - veranschaulicht am bitterbösen Beispiel eines Todeskandidaten auf dem elektrischen Stuhl, der immerhin zwischen Strom aus erneuerbarer Quelle («Die Hinrichtung könnte wegen Spannungsschwankungen länger gehen.») oder aber Atomstrom («... ist immer noch das sicherste») wählen darf.