Umweltwissenschaften
Andreas Fischlin: «Es ist noch nicht zu spät zum Handeln»

Der Solothurner Andreas Fischlin hat die Umweltwissenschaften, das renommierteste ETH-Departement, mit aufgebaut. Heute Abend wird er im Naturmuseum Solothurn einen Vortrag zum Thema «Was wissen wir wirklich?» halten.

Andreas Toggweiler
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Andreas Fischlin

Andreas Fischlin

Zur Verfügung gestellt

Die ETH hat laut einem Ranking das beste Studium der Umweltwissenschaften von Europa. Sie haben das Departement mit aufgebaut. Sind Sie stolz?

Andreas Fischlin: Ja. Es freut mich auch besonders, dass uns diese Anerkennung zuguterletzt doch zuteil gekommen ist. Wir mussten schliesslich auch besonders dafür kämpfen und uns einsetzen, dass dieses komplexe Departement überhaupt zustande gekommen ist. Meine Kollegen und ich, die sich besondere für diese Anliegen engagierten, freut es natürlich dann besonders, wenn am Ende die Bemühungen auch weltweit Anerkennung finden, obwohl natürlich unsere Beweggründe andere waren. Uns beflügelte vor allem das Funktionieren von Umweltsystemen, nicht zuletzt, weil wir auch um viele von ihnen besorgt sind.

Muss man ein Grüner sein, um Umweltwissenschaften zu studieren?

Nein, auf keinen Fall. Im Gegenteil. Unsere ursprüngliche Idee war Umwelt-Naturwissenschaftler auszubilden. Da muss das Herz vor allem für die Naturwissenschaften schlagen und erst in zweiter Linie für die Umwelt. Doch Interesse an Umweltfragen braucht es hierzu sicherlich auch, sonst studiert man besser klassischere Physik, Chemie oder Biologie, d. h. Naturwissenschaften ohne die Umweltsicht. Insbesondere muss man an komplexen Systemen Freude haben und sich davon nicht abschrecken lassen.

Renommierter Professor für Systemökologie

Andreas Fischlin wurde am 2. Dezember 1949 in Bern geboren und hat die Schulen in Solothurn besucht. Er hat zuerst Biologie studiert und ein Nachdiplomstudium in Systemtheorie und Regelungstechnik mit ETH-Silbermedaille für Doktorarbeiten abgeschlossen. Nach Forschungsaufenthalten in Kanada kehrte er an die ETH zurück, wo er ab 1989 massgeblich beim Aufbau des neuen Studienganges Umweltwissenschaften beteiligt war. Ein Ranking von 700 Universitäten weltweit attestiert diesem nun die Führerschaft bei den Umweltwissenschaften in Europa. Als Co-Autor des zweiten Berichtes «Climate Change 1995» und des vierten Berichtes «Climate Change 2007» zu Handen des Weltklimarates IPCC war Fischlin 2007 Mitempfänger des Friedens-Nobelpreises. (at.)

Sie sind teilweise in Solothurn aufgewachsen und haben hier die Matur gemacht. Was verbindet Sie heute mit Ihrer Heimat?

Leider nur noch wenige Verwandte und Freunde. Meine Frau ist immerhin auch Solothurnerin ...

Ihr Vater war Musiklehrer an der Kanti Solothurn. Haben Sie deshalb in einer Band namens Terrible Noise mitgespielt ... ?

Nein, sicherlich nicht. Dass mein Vater Musiker war, hat zwar meine Ausbildung in Sachen Musik stark geprägt, weil ich dadurch Klavier und Cello spielen lernte und mit Musik von Geburt an intimst verwachsen bin. Das Gitarrenspiel habe ich dann autodidaktisch noch dazugefügt und später habe ich während meines naturwissenschaftlichen Studiums an der ETH Zürich auch noch Musikfächer an der Uni wie Komposition und Musiktheorie besucht. Doch meine Zuwendung zu nicht-klassicher Musik wurde durch meinen Vater eher nicht so geschätzt. Ich gehe davon aus, dass Sie wissen, dass aus dieser Band dann etwas später Krokus hervorging ...? – Ich spiele heute übrigens immer noch Rock. Ich liebe alle gute Musik, ob Bach, Blues, Rock, Avantgarde, was immer. Und ich spiele heute wieder in einer Band namens Not The Sensational Alex Harvey Band e-Bass und mein fünfsaitiges e-Cello.

Sie werden am Donnerstag in Solothurn einen Vortrag zum Klimawandel halten. «Was wissen wir wirklich?» heisst die Affiche. Verraten Sie uns etwas, das man mit Sicherheit sagen kann?

Es gibt in den Naturwissenschaften gar nichts, das man mit absoluter Sicherheit sagen kann. Selbst die sogenannten Naturgesetze – beispielsweise, dass ein sich vom Baum lösender Apfel durch die Gravitationskräfte nach unten fällt – sind weniger ehern als die meisten denken. Das heisst aber nicht, dass wir nichts wissen oder dass wir überall in der Klimaforschung im gleichen Masse mit Unsicherheiten zu kämpfen hätten. Wir wissen sehr viel über den Klimawandel: dass es ihn gibt, dass er höchstwahrscheinlich menschgemacht ist, dass ein ungebremster Klimawandel viele negative Konsequenzen mit sich bringen würde und dass wir alle Möglichkeiten haben, weiteren Klimawandel zu verhindern ...

Ist es dazu nicht schon zu spät?

Dazu ist es nie zu spät, denn jeden Bruchteil eines Grades Erwärmung, den wir verhindern werden, lohnt sich. Es ist allerdings nicht mehr fünf vor zwölf, sondern zwei nach zwölf. Wir haben schon erheblichen Klimawandel ausgelöst und zugelassen, der sich leider unvermeidbar durchsetzen wird und dem wir ausgesetzt sein werden. Hier gilt es, die negativen Folgen abzufedern und die positiven auszunützen. Da jedoch in etwa gilt, je wärmer desto negativer die Folgen, sollten wir unbedingt auch versuchen, weiteren Klimawandel noch abzuwenden.

Wie wäre das zu bewerkstelligen?

Die internationale Staatengemeinschaft hat sich ja hierzu klar an der Vertragsstaatenkonferenz in Cancun 2010 geeinigt, dass die globale Erwärmung einzugrenzen wäre, und zwar auf eine maximale globale Erwärmung von 2°C gegenüber vorindustriellen Verhältnissen. Davon sind ca. 0.8°C Erwärmung schon messbare Realität geworden. Ein weiterer Teil eines Grades wird auf alle Fälle dazukommen. Was bedeutet, dass wir uns ein anspruchsvolles Klimaschutzziel gesetzt haben. Allerdings besagen die Forschungen von Kollegen aus dem sozio-ökonomischen Bereich, dass eine derartige Klimapolitik ökonomisch durchaus zu verkraften sei, wenn wir die richtigen klima- und energiepolitischen Weichen stellen. Das ist allerdings nicht mein Forschungsgebiet. Meine Hauptaufgabe sehe ich eher darin, die naturwissenschaftlichen Zusammenhänge zu hinterfragen und zu erläutern.

Was kann der Einzelne tun?

Wir sind hier auf vielen Ebenen herausgefordert: Als Individuen, als Gemeindemitglieder, den vielen Akteuren aus dem Privatsektor sowie den staatlichen Einrichtungen wie Kanton, Schweiz und der Staatengemeinschaft. Nur zusammen, in einer zielgerichteten, langfristig angelegten und konzertierten Anstrengung wird es gelingen, das Problem Klimawandel auch zu lösen. Dazu ist Wissen aus vielen Bereichen erforderlich, auch aus dem meinen.

Andreas Fischlin spricht heute Donnerstagabend ab 20 Uhr im Naturmuseum Solothurn zum Thema Klimawandel im Rahmen der Jahresveranstaltung der «2000 Watt Gesellschaft Solothurn».