Eine Mischung aus Vorfreude (bei den «Habitués») sowie Skepsis und Neugier (bei den «Neuen») begleitet die Besucherinnen und Besucher, die an Heiligabend nach und nach den festlich geschmückten Saal des Zunfthauses zu Wirthen betreten. Es ist eine bunt gemischte Schar, die der Einladung des Lions Club Solothurn zur Weihnachtsfeier für Alleinstehende und Einsame gefolgt ist: Ein gerade mal vierjähriges, vifes Kind mit der alleinstehenden Mutter kontrastiert deutlich mit der über neunzigjährigen, gepflegten, aber gebrechlichen Dame.

Dazwischen liegen alle Alters- und sozialen Schichten. Der Einzelgänger hat ebenso Platz – eher hinten am Tisch und ein bisschen versteckt – wie der leutselige Sechziger, der rasch als Alleinunterhalter an «seinem» Tisch für Stimmung sorgt. Gut achtzig Personen werden es am Schluss sein, die trotz - oder gerade deswegen – einen ebenso besinnlichen wie fröhlichen Heiligabend gemeinsam verbringen.

Feierliche Momente nicht verpassen

Gemeinsam Heiligabend feiern, nicht alleine sein. «Wie viel schöner ist es doch hier unter den Leuten mit meinem Kind als alleine zu Hause vor dem Tannenbaum», sagt die Mutter. Der Kettenraucher und auch sonst Abhängige hat sich in pikfeine Schale geworfen und achtet peinlich darauf, keines der feierlichen Elemente des Abends wegen seiner Sucht zu verpassen.

Rechtzeitig wird die Zigi ausgedrückt, um im Saal zu sein, wenn ein kleines Klavier-Intro den Abend einstimmt, wenn der knapp vierzigköpfige Lions-Chor festliche Lieder singt, wenn selbst gebackene Züpfe aufgetragen wird, gefolgt von Hamme, Härdöpfu- und vielen anderen Salaten.

Das Zunfthaus zu Wirthen lässt sich nicht lumpen. Der eine oder andere Bitz Hamme verschwindet im mitgebrachten Plastiksack. Das ist einberechnet. Frischer, selbst gemachter Fruchtsalat und ebensolche Güetzi (oder Bummi). Niemand geht hungrig heim.

Manche versteckte Träne

Es ist aber nicht «nur» dieser Hunger. Die in absoluter Ruhe mitverfolgte Weihnachtsgeschichte und die mit Inbrunst (und manch einer versteckten Träne) mitgesungenen klassischen Weihnachtslieder «Stille Nacht» und «Oh Du Fröhliche» sind schweigender und gesungener Beweis. Gemeinsam nicht einsam sein. Keine einseitige Sache auch beim achtundzwanzigsten Mal. Der ganze Anlass, vom Lions Club gemeinsam mit den «Wirthen» organisiert, ist auch für die Lions und ihre Angehörigen echte Weihnachten. Guetzli und Züpfe backen, den Christbaum und den «Wirthen»-Saal schmücken, Essen servieren, Geschichte vorlesen und Lieder singen – ein Abend gemeinsam im Dienste der Gesellschaft. Unter den 30 Helferinnen und Helfern sind erfreulich viele Kinder und Jugendliche mitbeteiligt, die ab 14 Uhr alles vorbereiten, die Feier mitmachen und im Anschluss bis 22 Uhr aufräumen. «Das ist echte Weihnachten», fasst stellvertretend für alle Aktiven eine 16-Jährige die Motivation zusammen. Ganz selbstverständlich, dass auch das Essen von Gästen und Gastgebern gemeinsam an den Tischen eingenommen wird. Und auch für den Schwatz unter Freunden und Zufallsbekanntschaften bleibt Zeit. Eine Weihnachtsfeier «en famille» sozusagen – bloss eben eine grosse Familie, die sich in sehr zufälliger Besetzung einmal jährlich trifft.

Beim Ausgang noch ein Geschenk

Gegen 20 Uhr neigt sich die Feier zu Ende. Wer nicht zu Fuss oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause kann, wird ebenso heimgebracht, wie er geholt worden ist. Die Kerze mit der Weihnachtsgeschichte in der Hand schlüpft Gast um Gast in Mantel, Jacke und Schal. Beim Ausgang wartet ein kleines Geschenk. Das Aussenrestaurant Bistraito von nebenan hat nicht verkaufte Berliner und Sandwichs geliefert. Alles findet in den Taschen dankbarer Abnehmer Platz.

Ein Händedruck und schon mal ein verstecktes Küsschen auf die Wange eines der Organisatoren. Allseits zufriedene Gesichter und «Auf Wiedersehen im nächsten Jahr». Ganz leise schwingt im Hintergrund mit, «wenn ich nicht wieder mit den Meinen feiern kann».