Solothurn
«Amanz Gresslys Biografie liest sich wie ein Krimi»

Auch ein Jahr nach seinem 200. Geburtstag wird die Naturforschende Gesellschaft des Kantons Solothurn nicht müde, das Leben und Wirken des Geologen Amanz Gressly in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Katharina Arni-Howald
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Naturforscher Amanz Gressly.

Naturforscher Amanz Gressly.

zvg

Diesmal war es der Geologe und Projektleiter für die Stilllegung von Kernanlagen, Hannes Hänggi, der im Auftrag der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Solothurn den Begründer der modernen Stratigrafie und Paläontologie vor zahlreichem Publikum würdigte. Amanz Gressly wurde 1814 im solothurnischen Bärschwil in einem wohlhabenden Elternhaus als erstes von acht Geschwistern geboren und starb 1865 in der psychiatrischen Klinik Waldau in Bern an einem Schlaganfall. Er erhielt auf dem Friedhof von Feldbrunnen-St. Niklaus einen Ehrenplatz. Noch heute zieht es zahlreiche Besucher an sein Grab.

Sonderling und Eigenbrötler

«Amanz Gressly war ein grosser Denker, Wissenschafter, Forscher, Entdecker und Schriftsteller», würdigte Hänggi den Sonderling und Eigenbrötler, der mit gesellschaftlichen Normen Mühe hatte und dem das Sammeln von Fossilien wichtiger war als gesellschaftskonforme Kleider. «Gresslys Biografie liest sich wie ein Krimi», blickte Hänggi auf das Leben von Gressly zurück. «Er streifte tagelang ungepflegt durch den Jura und litt zeitweise unter Schwermut.» Welcher Art seine Krankheit war, ist bis heute nicht bekannt. Wegen seiner herzlichen Art sei er aber im gesamten Jura bekannt und geliebt gewesen, beschrieb der Vortragende den Mann von mittlerer Statur mit struppig verwildertem Bart, der bei Wind und Wetter im Jura das alte Meeresbecken durchwanderte und mit seinem Eifer die junge Wissenschaft der Geologie und Paläontologie entscheidend mitgeprägt hat. Auf Gressly geht der Begriff «Fazies» zurück, der in seinem dreiteiligen Hauptwerk «Observations géologiques sur le Jura Soleurois» eingeführt wurde. Fazies heisst mit anderen Worten «Antlitz». Damit werden alle Eigenschaften eines Gesteins verstanden, die aus seiner Entstehungsgeschichte herrühren.

«Nicht minder bedeutend ist Gresslys Arbeit als geologischer Gutachter für den Bau verschiedener Eisenbahnlinien durch den Jura», machte Hänggi auf ein weiteres Verdienst des gebildeten und sprachgewandten Autodidakten aufmerksam. Während seiner Tätigkeit beim Bau des Hauensteintunnels entdeckte Gressly den ersten Dinosaurierknochen in der Schweiz, der einige Jahre später den Namen «Gresslyosaurus» erhielt. Der Vorwurf der Nachwelt, Gressly hätte zu wenig publiziert, sei darauf zurückzuführen, dass sich der leidenschaftliche Sammler lieber in der Natur aufhielt. «Das Publizieren erachtete Gressly nur als Pflicht oder um Geld zu verdienen», so Hänggi.

Auch als Biologe tätig

Eine Reise ans Meer blieb dem unermüdlichen Forscher lange verwehrt. Um seine Studien trotzdem fortzusetzen, fing er an, Aquarien zu bauen. Erst im vorgerückten Alter reiste Amanz Gressly nach Südfrankreich und studierte im Golf von Lyon Meerestiere. Es folgte zusammen mit anderen Wissenschaftern eine Reise ans Nordkap und nach Island. Zu seiner Freude stimmten seine Beobachtungen und Theorien mit der Wirklichkeit überein und haben heute noch Gültigkeit.

Während mehrerer Jahre hielt sich Gressly laut Hänggi auch in Neuenburg auf und arbeitete für den Eiszeit- und Naturforscher Louis Agassiz, der ihn förderte, aber auch ausnützte. Da er sich in Neuenburg nicht heimisch fühlte, verbrachte Gressly auch Zeit in Solothurn. Sesshaft wurde der leidenschaftliche Forscher, der unermüdlich durch das Juragebirge zog, allerdings nie.