Solothurner Fasnacht
Als Schminke und Perücken die Masken ersetzten: 250 Jahre lang wurden rauschende Maskenbälle gefeiert

Vor 30 Jahren änderte sich alles rasant; Die Frauen verzichteten auf Masken, die Herren auf Schale und Krawatte. Fasnächtler Peter Haefeli hat den Wandel miterlebt.

Wolfgang Wagmann
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Solothurner Fasnachtsbälle im Wandel der Zeit
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1914: Gfürchiger Maskenball Unter dem Motto «Im Reiche der Märchenkönigin» wird im Konzertsaal gefeiert. (Quelle: Archiv Zentralbibliothek)
1922: Im Banne der Muse des Tanzes Ein Maskenball mit Anleihen bei der griechischen Mythologie. (Quelle: privat)
1923: elefantöse Reise in den Osten Ebenfalls sehr gelungen und stimmungsvoll dekoriert – der Fasnachtsball «Am Hofe des Maharadscha». (Quelle: Archiv Zentralbibliothek)
1928: einmal mehr ein prunkvoll dekorierter Konzertsaal «Carneval in Venedig» war damals das Thema (Quelle: privat)
Letzte Masken intrigierten noch 1993 am Bööggefescht, das aber schon ohne Maseknzwang seit 1989 gab. (Fotograf: Robert Grogg/SZ)
Auch um die Jahrtausendwende gabs noch einzelne Maskierte wie diese Talentsucher im Landhaus. (Fotograf: Robert Grogg/SZ)
Heute erinnert nur noch der Balzillus am Fansachtssamstag im Landhaus an die grosse Balltradition. (Fotograf Wolfgang Wagmann)

Solothurner Fasnachtsbälle im Wandel der Zeit

Solothurner Zeitung

«Dann bildete sich jeweils vor der Papeterie Schüpbach eine lange Schlange. Aber das war eine Prestige-Angelegenheit und Ehrensache, dass man dazu gehörte.» Auch Peter Haefeli stand damals in der Gurzelngasse an. Der spätere Ober-Ober und Inhaber des bekannten Fasnachtsladens an der Schaalgasse erinnert sich noch gut an jene Zeiten, als der Tscharandi-Ball für die Jungen jeweils innert Stunden ausverkauft war. Im durchwegs dekorierten Konzertsaal fanden zwar Aberhunderte Platz, doch längst nicht alle, die rein wollten. Und so gab es immer wieder Meldungen von dreisten Einschleichern, oft aufgeflogen, weil sie auf die obligate Krawatte für die Jungs zur Schale verzichtet hatten.

Dann ging das grosse Warten auf tanzlustige «Bööggli» los. «Das gehörte zum Rollenspiel. Man spendierte ein Cüpli und wartete auf die Demaskierung um Mitternacht», erging es Haefeli wie allen jungen Männern. Vorher wurde intrigiert, nach dem Motto «Gäu, du könnsch mi nit!» – oft auch vorgegaukelt, man(n) kenne die Dame unter der obligaten Vollmaske nicht. «Dabei wusste oder roch ich jeweils, wer es war. Manchmal irrte man sich auch und war enttäuscht, wer unter der Maske zum Vorschein kam.»

Die «Züri-Haie» in den weissen Smokings

Rituale. «Aber es war eine schöne Zeit. Und alles ging noch so diszipliniert zu und her », meint Haefeli im Rückblick.» Etliche spätere Ehepaare lernten sich am Tscharandi-Ball kennen und blieben nicht nur sich, sondern der Fasnacht treu. Weniger ein Thema war Treue dagegen am legendären Kronen-Ball. Tout Soleure verlustierte sich im Saal, in der Bierschwemme im Leist-Zimmer und unten im Restaurant der «Krone» bis der Aschermittwoch anbrach. Schon um Mitternacht war Schluss mit der steifen Ballordnung Herren in Schwarz oder Waggisbluse und die Dame maskiert. Dann ging die Post ab, und wildeste Geschichten kursierten über Sex in Korridoren und sonstwo. Peter Haefeli lakonisch: «Da sind Züri-Haie aufgetaucht, alle in weissen Smokings. Die wollten nur unsere Bööggli abservieren. Einige hatten dafür sogar Zimmer gebucht.» Auch AufreisserTypen aus der Berner Nachbarschaft liessen den Kronen-Ball in den achtziger Jahren in Verruf geraten ‐ trotzdem war die Bude noch lange stets rappelvoll.

Als die «Wildkatzen» in Brand gerieten

Bessere Erinnerungen hat Haefeli an den Kindermaskenball in der «Krone», weniger gute an den einen UNO-Ball im Konzertsaal, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte. «Ich habe es verdrängt», kann er nicht einmal mehr sagen, in welchem Jahr der verhängnisvolle Dienstagabend gewesen war. Plötzlich brannte sein Kunstfaser-Umzugskostüm wie das von vier weiteren Kollegen lichterloh, die «Wildkatzen» erlitten schwerste Verbrennungen – monatelang lagen einige im Spital. «Die Urheberschaft wurde nie bekannt – aber im Konzertsaal rauchte damals noch alles.»

Ansonsten blieb das Ball-Geschehen in Solothurn von grösseren Zwischenfällen verschont. Gediegen ging es im schön dekorierten Bad Attisholz zu und her, wo am «Bedli-Ball» vor allem das Damen-Umfeld der organisierenden Narrenzunft Honolulu mit aufwendigen Verkleidungen um die Gunst der Jury buhlte – auch hier gabs Bar-Preise zu gewinnen. 1986 wechselte die Zunft in die Stadt. Dreimal war hier noch der klassische «Wirthen-Ball» angesagt, dann kam es zum Bruch: Maskiert sollte nicht mehr obligatorisch für die Frauen sein, die ohnehin längst das Intrigieren unter der Vollmaske in den Beizen aufgegeben hatten. Eine neu aufgegleiste Kostümparty im Landhaus, dekoriert durch eine Crew aus mehreren Fasnachtsgruppen, sorgte für einen lockeren Dresscode. Das kam an: Am ersten «Bööggefescht» 1989 wurden mehr als 2000 Eintritte verkauft ‐ viele Gäste, darunter immerhin noch 250 Maskierte, trauten sich nicht ins «Gstungg» im Obergeschoss. Denn auch damals war die Zigarette drinnen noch in aller Munde...

Bööggefescht als Initialzündung für die Strassenfasnacht

So kam es zum Bruch: Die Bälle in der «Krone» und im Konzertsaal fanden schon in Folgejahren kaum mehr Fans, auch wenn dort noch einige Unentwegte den «Gruftie-Ball» abfeierten. Vom «Bööggefescht» ist bis heute aber nur noch der «Ballzillus» im Landhaus geblieben, denn dieses war damals schon bald die «Impfung» für eine pulsierende Strassenfasnacht am Samstagabend.

Peter Haefeli bedauerte den Wechsel kaum: «Nun war alles viel lustiger und bunter». Und in seinem 2014 aufgegebenen Fasnachtsladen brummten nun Schmink-Artikel, Airbrushen, Kostüme und Perücken.

"Ehrbare Masqueraden" begründeten die Tradition

Maskenbälle dürften ihren Ursprung wohl im 18. Jahrhundert haben, als die Solothurner Hautevolee das höfische Zeremoniell von Versailles und der Ambassade nachäffte. Immerhin war der französische Botschafter De Bonnac 1735 für den ersten Solothurner Fasnachtsumzug verantwortlich. Verboten und damit verschwunden waren alte Bräuche wie das Maskenlaufen, erlaubt nur noch «ehrbare Masqueraden». Nur geschlossene Bälle, sogenannte Redouten, waren dann in den Jahren der Helvetik gestattet. Überliefert ist 1800 in Solothurn «une masquerade des plus brillantes», in der 30 Personen die olympischen Götter dargestellt hatten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Fasnacht in Solothurn wieder Fahrt auf, und mit der Eröffnung des Konzertsaals 1901 wurden spektakuläre Bälle wie die «Walpurggisnacht» 1906 inszeniert, zu denen deutsche Regiments-Kapellen aufspielten. Jazz war in den «Golden twenties» am grossartig dekorierten Ball von 1926 unter dem Motto «Am Fusse der Pyramiden» en vogue. Die Festpolonaise führte durch die «Wüste Sahara», als Anerkennungspreise für die beste Robe und Maskierung winkten den Damen bis zu 500 Franken, was damals sehr viel Geld war. Denn zehn Jahre später verdiente beispielsweise Malergeselle Paul Saudan gerade mal 1.40 Franken pro Stunde. Für die aufwendigen Bälle der Narrenzunft Honolulu stellten die Gewerbebetriebe der Stadt ihr Personal im arbeitsarmen Winter ab; so entstanden im Konzertsaal weitere Kunstwerke wie «Au Moulin Rouge» (1931) oder «Solör sur Mer» (1939).

1932 hatte sich die Tscharandi-Zunft gegründet, die im Konzertssaal den gleichnamigen Ball für die Jugend ausrichtete. 1959/60 lud die Narrenzunft Honolulu ins Landhaus zum Tanz, dann bis 1985 im Bad Attisholz zum Bedli-Ball. Zuerst war auch der Montag noch Ball-Tag gewesen, dann galt jahrzehntelang: Tscharandi-Ball am Freitag, Bedli-Ball am Samstag und am Fasnachtsdienstag auf den Aschermittwoch fanden gleichzeitig der UNO-Ball im Konzertsaal und der Kronenball im Hotel Krone statt. Der Besuch beider Bälle am gleichen Abend war möglich durch den Erwerb des so genannten «Vagante-Billets». (ww)