Es ist Sonntagmorgen. Im Haus 9 des Bürgerspitals Solothurn ist es im Gegensatz zur alltäglichen Betriebsamkeit ruhig. Unten am Weiher beobachtet ein Vater mit seinen Kindern die Enten, die zwischen den Seerosen hin und her schwimmen.

Auf dem Dach des alten Spitalgebäudes bimmelt das Spitalglöckchen. In der Kapelle bereitet sich Markus Kissner auf den Gottesdienst vor. Durchschnittlich 30 Patienten und hie und da auch Gläubige aus den umliegenden Quartieren nutzen das Angebot.

Vor allem Patienten, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden, versuchen Antworten zu finden auf ihre Fragen. «Sie sind manchmal einsam, haben Schmerzen und möchten wissen, wie es weitergeht. Der Glaube kann ihnen Kraft geben», sagt der katholische Seelsorger, der Teil eines dreiköpfigen Teams in ökumenischer Ausrichtung am Bürgerspital ist. «Sie dürfen erfahren, dass sie mit ihren Ängsten nicht alleine gelassen werden».

«Wir sind eine Familie»

Doch nicht nur der Seelsorger ist an diesem Vormittag aktiv. Damit die Patienten ihr Spitalzimmer verlassen und in die Kapelle gehen können, gibt es seit nahezu 40 Jahren ehrenamtlich tätige Patientenbegleiterinnen und -begleiter.

Sie ermöglichen Kranken, die auf den Rollstuhl angewiesen sind oder gar das Bett nicht verlassen können, die Teilnahme am ökumenischen Gottesdienst, der um 10 Uhr abwechselnd von den drei Spitalseelsorgern abgehalten wird.

Die Gottesdienstgruppe besteht zur Zeit aus neun Personen, die keineswegs dazu verpflichtet sind, jeden Sonntag anwesend zu sein, von denen aber doch zehn bis zwölf Einsätze pro Jahr erwartet werden. Ein aus drei Personen bestehendes Leitungsteam sorgt dafür, dass jeden Sonntag genügend Begleiterinnen und Begleiter zur Verfügung stehen, und sichert die Verbindung zu den Seelsorgern.

«Wir sind wie eine Familie», sagt Barbara Jäggi, nachdem sämtliche Patienten wieder in ihren Zimmern sind und man gemütlich bei einem Getränk im Personalrestaurant sitzt. Ihre Kollegen nicken zustimmend. Niemand möchte den anschliessenden Gedankenaustausch missen.

Aber auch die Patientenbegleitung ist etwas, das den Sonntag zu einem Freudentag macht. «Wer einmal dabei ist, kommt davon nicht mehr los», fasst Hansruedi Rhyner seine Gefühle in Worte und ergänzt: «Man bekommt mehr als man gibt.» Irgendeinmal habe man wohl gemerkt, dass er gut Rollstühle schieben könne, sagt er und zwinkert mit den Augen.

Fast von Anfang an dabei ist Sepp Barmettler, der 2002 eine Jubiläumsschrift herausgegeben hat und darin schrieb: «Es ist ein Dienst, der von vielen persönlichen Erlebnissen geprägt ist und das Zusammensein festigt.» Noch heute ist Sepp Barmettler überzeugt, dass er am Sonntag etwas Sinnvolles tut, das ihn bereichert. Das Gefühl, «nützlich zu sein» hat auch Hans Burkhardt, der durch den Tod seiner Frau zur Gruppe stiess.

Die Tagesform ist wichtig

Auch Heidi Windler, seit 25 Jahren dabei, kam nicht mehr los von diesem Sonntagsjob. «Ich habe oft Krankenbesuche gemacht und bin schliesslich bei der Patientenbegleitung hängen geblieben.»

Selbst die Organistin, Sophie Greusing, schwärmt: «Ich schätze die Abwechslung und die Offenheit der Gruppe. Zudem geht mein Kontakt zur Kirche nicht verloren.» Wie der Sonntagmorgen als Patientenbegleiter erlebt wird, hängt aber auch von der Tagesform der Patienten ab. «Es geht nicht nur um das Abholen, Abstellen und Zurückbringen», sagt Barbara Jäggi. «Die Patienten brauchen uns oft auch während des Gottesdienstes, wenn sie auf die Toilette müssen oder sich unpässlich fühlen.»

Selbst Gespräche mit den Patienten sind möglich. «Oft erzählen sie uns auf dem Weg ihre Lebensgeschichte», sagt Heidi Windler. Da könne es durchaus auch vorkommen, dass das Gespräch im Zimmer weitergeführt wird und man sich noch einen Augenblick Zeit nimmt.

«Ich höre gerne Musik»

Mit dabei ist an diesem Sonntagmorgen zwischen Auffahrt und Pfingsten auch ein Patient aus Langendorf, der lange Mitglied eines Kirchenchores war. Nun wollen ihn seine Füsse nicht mehr so richtig tragen. Er ist glücklich, dass er heute in der Kapelle sitzen kann und sich nicht einen Gottesdienst im Fernseher anschauen muss. «Ich höre gerne Musik», wiederholt er mehrmals, und schliesslich wisse man ja nicht, was einem noch bevorstehe.

Wie viele andere Institutionen kämpft auch die in die Jahre gekommene Gottesdienstgruppe um Nachwuchs. Vor allem starke Männer braucht es, um die Betten und die Rollstühle zu schieben. Wer etwas Sinnvolles tun will, kann sich bei Markus Kissner im Bürgerspital Solothurn melden.