Nein, Solothurn komme namentlich zwar nicht vor, sagt Reto Stampfli über sein neuestes Werk «Affengeist». Und dennoch bildet die Heimatstadt des Lehrers und Autors den eigentlichen Ausgangs- und Schlusspunkt des Entwicklungsromans, der morgen Donnerstag im Kofmehl anlässlich einer Buchvernissage aus der Taufe gehoben wird.

Protagonist ist der Lokal- und Kulturjournalist Konrad «Koni» Spiegel, der sich von Solothurn aus auf die Suche nach dem verschollenen Schriftsteller Peter Hauser macht. Damit will Spiegel seine bisherige breit beachtete Artikelserie über den dekorierten Literaten würdig fortsetzen. Nun aber ist seine hartnäckigste Begleiterin eine Lebenskrise nahe der Burnout-Schwelle.

Die Symptome wiederum bekämpft er beispielsweise, indem er in einem New Yorker Hotel während eines Schaumbads das absurde Kopfkino seiner eigenen Trauerfeier abspulen lässt – mit spärlichem Erfolg.

Zum Titel «Affengeist»

Im Buddhismus spricht man bei einem ruhelosen, stets getriebenen Verstand von einem «Affengeist». Und darauf bezieht sich auch Stampfli im Titel seines Werks, wie er selbst auf Anfrage erläutert. Genau nach diesem Muster ist nämlich Konrad Spiegel gestrickt, gegeisselt durch den Aktivismus, die das Berufsverständnis nun mal voraussetzt. Auf der Fahrt nach Nirgendwo ist an ein Ankommen nicht zu denken. Obschon: Auf seiner Höllenfahrt entdeckt der Journalist bald einmal das Bremspedal. Und aus der rastlosen Suche nach dem verschollenen Hauser – einem in sich ruhenden Menschen – wird in letzter Konsequenz vor allem die Entdeckung seines anderen Ichs.

«Um Ecken und Kurven»

Von Reto Stampfli sind im Knapp-Verlag «Tatsächlich Solothurn» (2009), «Die Schwiegermutter des Papstes» (2012), «Weggeschwemmt» (2013) und «Heimatland Wasseramt» (2014) publiziert worden. «Die Fertigstellung von ‹Affengeist› hat relativ lange gedauert», sagt Stampfli im Rückblick. «Ein Prozess um Ecken und Kurven, zwar kein Kampf, aber ein Ringen», ergänzt er.

Sein eigener Besuch in New York lieferte den Kristallisationskeim, den inspirativen Anstoss für «Affengeist», erzählt Stampfli. 2013 war er erstmals überhaupt in «Big Apple». Und machte in einem Museum eine aussergewöhnliche Entdeckung: Unter der Kategorie «l’Art Brut», mit der Kunst von Laien und Kindern, aber auch von Menschen mit psychischen oder geistigen Beeinträchtigungen bezeichnet wird, fand Stampfli das Schaffen von Robert Gie. Das Besondere: Dieser war als Schizophrenie-Patient der «Rosegg» registriert, wie die psychiatrischen Dienste damals hiessen, und verschwand 1922 aus den Akten.

Psychogramm eines Journalisten

Zeitweise soll sich Gie mit einem Turban bekleidet oder den Kopf in Tücher gehüllt haben, um Körperöffnungen von äusseren Einflüssen abzuschirmen. Und Gie zeichnete «Beeinflussungsmaschinen» und Szenerien, die eine Welt abbilden, in der die Menschen von aussen gesteuert, kontrolliert, überwacht werden. «Die Bilder haben mich gepackt und passen grandios in unsere Zeit», sagt Stampfli. Was durch den schizophrenen Gie als bedrohende Beeinflussung von aussen empfunden wurde, erlebe auch der moderne Mensch – und auch Stampflis Protagonist Konrad Spiegel, der selbst in eine «Art Brut»-Ausstellung hineinläuft und dort auf den Namen Robert Gie trifft.

Reto Stampfli ist mit «Affengeist» ein geistreicher Wurf gelungen, der das psychologische Thema der Rastlosigkeit und des Fremdgesteuert-Seins auch auf tragikomische Art mit der persönlichen Entwicklung der Hauptfigur verflechtet.

Buchvernissage Do, 6. Juni, 20 Uhr Kofmehl-Halle. Mit musikalischer Unterstützung durch «Gitarrenäffchen» Elena Gerster, das «Affengeist-Quartet» und mit Schauspieler Werner Biermeier als Rezitator. Infos: www.kofmehl.net