Das Steingrubenquartier

Als die Villen noch die Klöster störten

Sorgte für das Aha-Erlebnis: das verschwundene Restaurant Wengistein am Eingang der Einsiedelei.  zvg

Sorgte für das Aha-Erlebnis: das verschwundene Restaurant Wengistein am Eingang der Einsiedelei. zvg

Urs Scheidegger, Ex-Stadtpräsident, referierte unter dem Titel «Nostalgieflug über die Steingrube» in einem Vortrag über den Wandel eines weitgehend unbebauten Geländes bis zum heutigen Quartier, das heute dreimal mehr Bewohner hat als die Altstadt.

Nach seinem erfolgreichen Vortrag über das Dilitsch-Quartier hat die Fachkommission Blumenstein Urs Scheidegger gebeten, über das Quartier des Blumensteins zu berichten, zumal der Referent in diesem auch wohnt. Akribisch hat hierauf Scheidegger die Geschichte des Quartiers erforscht, viele Leute befragt, von vielen auch Dokumente erhalten und in Archiven nachgeschaut. Und die Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers liessen sich diesen Leckerbissen nicht entgehen. Bald einmal reichten die vorhandenen Stühle im Salon Rouge des Schlosses nicht mehr, um das Publikum zu platzieren. Konservator Erich Weber und seine Mithelfer mussten in Eile weitere Stühle herbeischaffen.

Urs Scheidegger sprach dann während zwei Stunden und vermochte das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute zu interessieren. Oft unterbrach er auch sein Referat und sprach eine Person im Publikum an, die ihm Informationen geliefert oder zum erläuterten Gegenstand eine besondere Beziehung hatte. Stellvertretend sei an dieser Stelle nur der Grenchner Aviatik-Spezialist Peter Brotschi erwähnt, weil er für Scheidegger einen Überflug über die Steingrube absolviert hatte,, so dass Scheidegger Luftaufnahmen von 1913 heutigen gegenüberstellen konnte.

Einst elf Steingruben

Schon 1913 fand im Fegetz das erste Flugmeeting in Solothurn statt. Davon sind Fotos erhalten und haben letztlich dem Vortrag auch seinen Titel gegeben. Beginn und Ende also mit Luftaufnahmen von einst und jetzt. Dazwischen aber die Entwicklung eines Quartiers mit heute 3000 Einwohnern, unterteilt in fünf Unterquartiere. Dabei erstreckten sich Scheideggers Ausführungen von der Rosegg bis zur Kirche St. Niklaus und vom Königshof bis zur Baselstrasse.

Wie der Name sagt, diente diese Gegend ursprünglich als Steinbruch. Die grösstenteils abgebrochenenSchanzen und die St. Ursenkirche sind bleibende Zeugnisse. Insgesamt gab es elf Steinbrüche, worin je 300 Leute beschäftigt waren. Die so genannten Fegetzsteine wurden teilweise von der Obrigkeit zum Bau vorgeschrieben. So waren denn für alt Solothurn diese Steinbrüche wahre Goldgruben. Alte Pläne und Fotografien beweisen denn auch, dass es um 1870 nur Klöster, Sommerhäuser und ganz vereinzelte Häuser im Quartier gegeben hat.

Schulen, Klöster, Persönlichkeiten

Im reich illustrierten Vortrag ging Scheidegger auch auf die verschiedenen Schulen im Quartier ein, von den Klosterschulen für Mädchen, dem Knabeninstitut Iseli bis zur Kantonsschule und dem Fegetzschulhaus von Hans Rudolf Bader. Als die Stadt Solothurn nördlich des Herrenwegs Land von den Besitzern des Blumensteins erwarb, und dort Wohnbauten errichten liess, gab es 1923 einen empörten Leserbrief, dass diese villenähnlichen Bauten in der Nähe der Klöster eine Schande für Solothurn seien. Scheidegger bewohnt nun selber ein solches von Architekt Walter Adam errichtetes Haus, fühlt sich aber nicht als Villenbesitzer. Anderseits konnte er anhand einer Luftaufnahme des Fabrikareals der Sphinx beweisen, dass dieses einer Klosteranlage nachempfunden ist, um sich der Umgebung anzupassen.

Zuletzt erzählte Scheidegger von den vielen Persönlichkeiten, die das Quartier hervorgebracht hat und dort wohnten. Der Bogen spannte sich von Charles Sealsfield über Rolf Roth «Lucifer» bis zu den Politikern Ernst Dübi, Vater des Friedensabkommens von 1937, und Bundesrat Walther Stampfli, Vater der AHV, sowie den Industriellen der Gründerjahre. Wehmütig erinnerten man sich, dass das Quartier einst drei Konsumläden hatte, und als Scheidegger ein Bild vom Restaurant Wengistein projizierte, ging ein Raunen durch die Menge mit dem Ausruf «Rutschbahn!». Urs Scheidegger plant, weitere Quartiere zu erforschen. Da kann man sich mit Recht darauf freuen.

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