Vor 120 Jahren war Solothurn eine Boomtown. Die Elektrifizierung und Industrialisierung schritten rasch voran, das Bürgertum stand in seiner wirtschaftlichen Blüte. Ganze Stadtquartiere wurden hochgezogen wie im Westring oder Neu-Solothurn in der Vorstadt, mit der Bahnhofstrasse als beherrschender Achse mit einer Allee. Doch die ehrgeizigsten Pläne wurden im Grüngürtel gewälzt, der im Norden und Osten durch den Abbruch der Schanzen während gut 50 Jahren entstanden war. Hier wollte man Repräsentativbauten wie ein neues, prachtvolles Museum oder einen Konzertsaal errichten. Doch brauchte es – wie schon fast üblich – mehrere Anläufe und Irrwege, um zu den beiden Bauten zu kommen. Schon 1860 hatte man sich mit dem Museumsneubau befasst, der aber erst 1902 nach dem Projekt des Zürcher Architekten Johann Metzger eröffnet werden konnte. Der Konzertsaal hatte dies schon zwei Jahre früher erlebt, und hinter beiden Bauten verbarg sich ein eigentlicher Spiritus Rektor: der damalige, 1888 eingesetzte Stadtbaumeister Edgar Schlatter.

Ein verspottetes Projekt

Schon damals stand am Anfang jeweils ein Wettbewerb. Im Oktober 1894 schrieb die Stadt nach einer wegweisenden Gemeindeversammlung zwei Wettbewerbe aus: den für das heutige Kunstmuseum, sowie denjenigen für einen Konzertsaal der auch als Gemeindehaus dienen sollte. Nachteil des zweiten Projekts: Gebaut werden sollte auf einem trapezartigen, ungünstigen Areal, dem sogenannten Chantier, unter dem sich heute das Parkhaus Baseltor befindet.

Die Entwürfe konnten sich nicht alle sehen lassen. Insbesondere das 1895 eingereichte Projekt einer «Fachwerk-Walhalla» mit vier Muttiürmchen an jeder Ecke brachte seinem Schöpfer, dem Zürcher Architekten Alexander Koch nur Spott ein. Im Jury-Bericht damals stand: «Die vier Ecken des Baues sind daher je von einem massiven Turm flankiert, welche zur Fachwerkskonstruktion des Oberbaus nicht recht passen wollen und überhaupt nicht motiviert werden können. Allzugrosses Streben nach Originalität dürften den Verfasser etwas irregeleitet haben.» Nun, den Wettbewerb gewann Gustav Clerc aus La Chaux-de-Fonds, für dessen Entwurf Stadtbaumeister Schlatter nur lobende Worte fand. Bauen aber sollte zuletzt den Konzertsaal wie das Kunstmuseum der Lokalmatador – Edgar Schlatter selbst.

Haydns «Schöpfung»

Nun, Alexander Kochs «MuttitürmliHaus» hätte auch sonst keine Chance gehabt, denn Stadt und Kanton wurden sich über den Kaufpreis der Chantier-Bauparzelle nicht einig. Und so begann Schlatter den Neubau des Konzertsaals im Stil des Zürcher Landesmuseums 1897 im Norden der Altstadt zwischen dem geplanten Museum und der alten Reformierten Stadtkirche. Auch da gab es Probleme, denn der alte Stadtgraben sorgte für einen höchst unterschiedlichen Baugrund. Den aber Schlatter durch eine Eisenbetonkonstruktion meisterte.

Am 22. Juli 1900 konnte der Konzertsaal mit «Haydns Schöpfung» prunkvoll eröffnet werden. Der Stadtbaumeister hatte grössten Wert auf die Akustik gelegt und praktisch jede glatte Fläche an den Decken vermieden. So wurden Decken und Wände mit einem Netz von feinen Rippen versehen. Aber auch die Beleuchtung war topmodern. 1896 hatte man Solothurn ans Stromnetz angeschlossen, nun erstrahlte der neue Konzertsaal im Licht von fünf Bogenlampen mit 340 Glühbirnen. Allerdings waren die Solothurner vorsichtig: Noch misstrauten sie der neuen Technik und hielten deshalb einen kompletten Satz der bewährten Gaslampen in Reserve…

Als Schlatter scheiterte

1907 trat Edgar Schlatter zwar als Stadtbaumeister zurück, blieb aber noch 20 Jahre lang eine prägende Figur im Solothurner Bauwesen. Etliche Wohnbauten im Loreto-Quartier und an der Kapuzinerstrasse gehen auf ihn zurück. In der damaligen Sicht wurde die Person Schlatters jedoch auch als dominant, ja selbstherrlich wahrgenommen und empfunden. Und so wurde letztlich nicht alles, was er vorschlug, auch umgesetzt.

1914 hatte die Stadt einen Wettbewerb für ein Gemeindehaus veranlasst, da der Konzertsaal diese Rolle nicht auch noch einnehmen konnte. Schlatter schlug 1918 ein nach heutigem Gusto recht schwülstig gehaltenes Gebäude entlang der heutigen Werkhofstrasse unterhalb des Konzertsaals vor. Es wurde nie gebaut. Der Erste Weltkrieg neigte sich dem Ende zu, Solothurn hatte andere Sorgen. Und richtete deshalb seine Stadtverwaltung kurz danach an der Baselstrasse 7, im vormaligen Sitz der (Brauerei) von Roll ein.

Quellen: «Solothurner Bauten 1850 – 1920» von Othmar Birkner, – «Solothurn Architektur und Städtebau 1850 – 1920» von Claudio Affolter.