Architekturforum
Als die Kanti gebaut wurde

Die DVD über den Bau der Kantonsschule Solothurn stand im Mittelpunkt des Gesprächs am Salvisbergtisch. Jürg Naegeli hat die DVD aufgrund eines fragmentarischen 16-mm-Filmes unter Mithilfe von Beate Obrecht und Peter Jeker hergestellt.

Helmuth Zipperlen
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Ende der 30er-Jahre führte der Bau der Kantonsschule zu einem Richtungsstreit in architektonischer Hinsicht.

Ende der 30er-Jahre führte der Bau der Kantonsschule zu einem Richtungsstreit in architektonischer Hinsicht.

Felix Gerber

Am Anfang spielte der Zufall Regie. Als in der Kantonsschule wieder einmal entrümpelt werden musste, hatte der damalige Hauswart Bonfanti auch Büchsen mit Filmrollen zum Abfall getan. Peter Jeker, Zeichnungslehrer, hatte auf diesen Filmrollen das Signet von Fred Obrecht erkannt und sie vor der Entsorgung gerettet. Die Filme zeigten Impressionen von Skilagern. Er setzte sich mit der Tochter von Fred Obrecht, Beate Obrecht, Musiklehrerin, in Verbindung. Sie informierte ihn über weiteres Filmmaterial über die Kantonsschule, das sich im Nachlass des 1980 verstorbenen Fred Obrecht befanden. Die Aufnahmen dokumentierten das erste Baujahr der Kantonsschule. Die Baukommission fand Gefallen an diesem Film, jedoch konnten sich weder das Bau-Departement noch die Kantonsschule bereit erklären, den Film finanziell zu unterstützen. Deshalb wurden die Aufnahmen abgebrochen. Beate Obrecht denkt, dass diese Ablehnung für ihren Vater eine grosse Enttäuschung gewesen war. Fred Obrecht betrieb ein Foto- und Filmgeschäft und hatte mit seiner Filmkamera weite Reisen unternommen.

Ungeliebte Moderne

Peter Jeker lieferte zusätzliche Informationen über die Zeit Ende der 30er-Jahre. Denn der Bau der Kantonsschule führte zu einem Richtungsstreit in architektonischer Hinsicht. Für den Lehrkörper bedeutete der Umzug vom Ambassadorenhof in die Kantonsschule am Herrenweg eine Art Verbannung aufs Land. Der schlichte, zweckmässige Bau von Hans Bracher entbehrte jeglicher Repräsentanz. Anderseits ist es erstaunlich, dass sich der damals knapp 30-jährige Architekt gegen die bestandenen Politiker, die das Sagen hatten, durchsetzen konnte. Für die DVD wurde das Fragment von Obrecht durch eine Einleitung ergänzt, in welcher auf die Vorgeschichte des Baus, den Wettbewerb und den Juryentscheid eingegangen wird. Heute wird die Qualität dieser Baute voll anerkannt. Das Schulhaus schmiegt sich in die Landschaft ein und fällt kaum auf. Das war durchaus Brachers Absicht. Das Schloss Blumenstein und die Häuser am Herrenweg sollten durch das Schulhaus nicht dominiert werden.

Der Film als Zeitdokument

Die Aufnahmen von Fred Obrecht haben nicht nur eine künstlerische Qualität, sondern sind ein Zeitdokument von bleibendem Wert. Musikalisch werden die Aufnahmen mit dem Bracher-Trio von Alban Roetschi untermalt und der Text wird durch die klare und sonore Stimme von Patrick Kappeler vorgetragen.

Alles beginnt mit dem Spatenstich, zu dem bereits eine grosse Menge Volkes pilgerte. Josef Reinhart schrieb ein Gedicht und Hans Enz einen durch Schüler vorgetragenen Prolog. Da die erste Etappe im Rahmen eines vom Bund geförderten Arbeitsbeschaffungsprojektes in Angriff genommen wurde, mussten bestimmte Vorschriften eingehalten werden. Beispielsweise durften für den Betonbau keine Spezialisten aus dem Tessin zugezogen werden. Das hatte dann allerdings zur Folge, dass die einheimische Bauwirtschaft sich Erkenntnisse aneignen musste, die ihr später sehr zustattenkamen. Obrecht geht mit seiner Kamera nahe an die Arbeiter heran, um deren Tätigkeit festzuhalten. Auf dem Bau konnten 150 Personen beschäftigt werden, die sonst arbeitslos gewesen wären. Der Aushub der Baugrube betrug 10 000 Kubikmeter. Und dies alles ohne Bagger, rein durch Manneskraft mit Schaufeln und Karretten. Pferdefuhrwerke führten das Holz vom Bahnhof zur Baustelle. Obwohl die Arbeiten in diesem ersten Jahr zügig vorangingen, verzögerten der Zweite Weltkrieg und das Stimmvolk den Weiterbau, sodass die Schule erst 20 Jahre nach Baubeginn vollendet werden konnte. Weder Hans Bracher noch sein Mit-Architekt Emil Altenburger erlebten die Einweihung.