Die Quellenlage ist mager, die Fantasien schiessen seit Jahrzehnten ins Kraut, Historiker und Künstler haben sich in ein Thema festgekrallt, das wohl immer ein Rätsel bleiben wird. Im Jahr 1318, drei Jahre nach der ebenfalls dürftig belegten Schlacht bei Morgarten, soll die Reichsstadt Solothurn durch Herzog Leopold I von Habsburg belagert worden sein.

So wollen es die Chroniker, zu denen der Solothurner Franz Haffner und der sich an Vorbildern orientierende Berner Conrad Justinger gehören. Gemäss ihrer Überlieferung dauerte die Belagerung zehn Wochen. Während dieser Zeit soll das habsburgische Heer eine Brücke oberhalb der Stadt gebaut haben, die nach einem heftigen Regen einstürzte. Statt sich hämisch über das Ereignis zu freuen, sollen die grosszügigen Solothurner die im Wasser treibenden Feinde gerettet haben. Als Dank habe Herzog Leopold die Belagerung aufgehoben, so die Geschichtsschreibung.

Rache für Morgarten?

So weit so gut, aber hat diese Belagerung tatsächlich stattgefunden und waren die Habsburger fähig, innerhalb von zehn Wochen eine Brücke zu bauen? Um dem weiter auf die Spur zu kommen hat das Museum Altes Zeughaus den freischaffenden Historiker und Habsburg-Experten Peter Niederhäuser zu einem Vortrag eingeladen, in dem sich der Referent hauptsächlich mit der Rolle der Habsburger im 14. Jahrhundert in der Schweiz befasste.

Dabei stellte er fest, dass sich die Eidgenossen immer wieder quer gestellt haben, wenn die machthungrigen Habsburger und die aufstrebenden Adelsgeschlechter ihre Interessen durchsetzen wollten. Dies führte zu Konflikten zwischen den Urschweizern und mehreren Schweizer Reichsstädten. «Sollte die Belagerung von Solothurn tatsächlich stattgefunden haben, stellt sich die Frage, ob sich die Habsburger damit nicht für die Schlacht bei Morgarten rächen wollten», gab Niederhäuser zu bedenken.

Angenommen werden müsse, dass sich Leopold I während der Zeit der überlieferten Belagerung tatsächlich in der Region aufgehalten habe», so der Historiker aus Winterthur. Fest stehe auch, dass dieser versucht habe, die Adelsgeschlechter aus der Region, darunter die den Habsburgern wohlgesinnten, hier ansässigen Kyburger, an sich zu binden was ihm teilweise auch gelang.

Das Fragment des Leopolds- oder St. Ursus-Banners im Alten Zeughaus.

St. Ursusbanner

Das Fragment des Leopolds- oder St. Ursus-Banners im Alten Zeughaus.

Ein Banner von Leopold?

Auf grosses Interesse stiess nebst dem ausführlichen Referat an diesem Abend auch das Leopolds- oder Ursus-Banner aus der Sammlung des Museums Altes Zeughaus, das an Ort und Stelle besichtigt werden konnte. «Das Objekt kann durchaus mit den geschilderten Ereignissen in Zusammenhang gebracht werden», schilderte Museumsleiterin Claudia Moritzi dessen Geschichte.

Doch auch dazu fehlen entsprechende Urkunden, in welchen die Fahne oder irgendeine Vergabung von Leopold erwähnt wird. Allerdings stellte der Lokalhistoriker Hans Sigrist 1968 die These auf, dass entweder die Chorherren des St. Ursenstifts vermittelnd in den Konflikt eingriffen und deshalb vom Herzog als Belohnung ein Banner erhielten oder Solothurn sich so stark der habsburgischen Macht gebeugt habe, dass ihnen diese ein Banner schenkten, unter dem sie in Zukunft in den Krieg ziehen sollten.