Winter-Nostalgie

Als der Tennisplatz am Herrenweg zur Eisbahn mutierte: «Ich konnte kaum warten, bis sie geöffnet wurde»

Das waren noch Winter: Die Eisbahn bei der Lanco in Langendorf. (Archiv)

Das waren noch Winter: Die Eisbahn bei der Lanco in Langendorf. (Archiv)

In den Fünfzigerjahren mutierte der Tennisplatz am Herrenweg jeweils zur Eisbahn.

Bis 1956 in Langendorf die Kunsteisbahn «Lanco» eröffnete, wurde auf dem Tennisplatz Herrenweg Eishockey gespielt. Für die Buben im Hubelmattquartier war es eine grosse Sache, wenn die Temperaturen unter den Nullpunkt sanken und Eismeister Balboni auftauchte. «Jedes Jahr, wenn es gegen den Winter zu geht, kann ich fast nicht warten, bis es richtig kalt wird, damit die Eisbahn geöffnet werden kann. Sinkt Ende Dezember die Temperatur auf 5 bis 10 Grad unter Null, kann man totsicher sein, dass Herr Balboni, der Eisbahnchef von Basel oder vom Tessin nach Solothurn kommt. Am gleichen Abend wird der Tennisplatz gewischt, denn unter dem Eis darf sich kein Sand befinden. Dann wird stundenlang gespritzt. Jeden Tag gehe ich zur Eisbahn hinauf, um zu schauen, ob sie bald geöffnet werden kann». Die Sätze stammen aus einem Schulaufsatz, den der damals 15-jährige Hubelmatter Hans-Rudolf Hug 1951 geschrieben hatte.

Eine Woche lang dauerte es, bis das Eis da war

Bis wenige Monate vor seinem Tod 2017 erinnerte sich der langjährige Solothurner Bezirkslehrer lebhaft an diese Jugenderlebnisse: «Ich war ein begeisterter Schlittschuhläufer. Das lag daran, dass wir den Hockeyclub im Quartier und eine Eisbahn am Herrenweg hatten. Ich war oft Zaungast, wenn Herr Balboni an der Eisbahn arbeitete, und so ernannte er mich eines Tages zum Assistenten. Ich half in der späten Nacht ab 23 Uhr, die Tennisplätze zu wässern, obwohl ich kaum die grossen Wendrohre halten konnte. Meine Eltern waren ob der Nachtarbeit wenig begeistert, ich dafür umso mehr. Ich arbeitete mit, wenn eine Woche lang das Eis aufgebaut wurde. Ich durfte die Eisbahn natürlich auch benützen, hatte aber bloss Kufen, die unter die normalen Winterschuhe fixiert wurden. Eines Tages, es wird wohl vor Weihnachten gewesen sein, nahm mich der Vater mit zum Occasionen-Berger an der Bielstrasse und kaufte mir ein Paar richtige Schlittschuhe zum Schnüren. Damit konnte ich mehr Eindruck machen, und mit diesen Schuhen war es nun auch möglich, stiebende Bremsmanöver zu fahren. Ich spielte in der Nachwuchs-Hockeymannschaft mit. Hockey war eine grosse Sache, die Ott-Brüder waren sehr gute Spieler, und unser aller Idol in Solothurn war der überragende Yvan Amerzin, der Superstar des Solothurner Klubs. Es war die Zeit nach dem Krieg. Die Leute hatten wenig.»

Das grosse Warten auf Minustemperaturen

Im Aufsatz von 1951 schildert der Teenager das winterliche Eishockeyfieber am Herrenweg: «Am Eröffnungstag können Ernst Bolliger und ich die Plakate vertragen mit der Aufschrift: ‹Eisbahn Herrenweg geöffnet›. Um diese Arbeit zu verrichten, brauchen wir meistens ungefähr eine Stunde. Als Lohn können wir gratis Schlittschuhfahren gehen. Letztes Jahr bekam ich zu Weihnachten Hockeyschlittschuhe. Ich konnte kaum warten, bis die Eisbahn geöffnet wurde. Es wollte und wollte einfach nicht kalt werden! Mitte Januar sank die Temperatur endlich unter acht Grad unter Null. Am gleichen Tag kam auch schon Herr Balboni, und drei Tage später wurde die Eisbahn geöffnet. Sofort fühlte ich mich in den neuen Schlittschuhen heimisch, man konnte viel besser und vor allem schneller fahren als mit den ‹agschrübeleten›. Kaum konnte ich einigermassen schnell fahren, begann ich bei den Hockey-Matchs meiner Kameraden mitzuhelfen. Mit meinem ersparten Geld kaufte ich einen Hockey-Stock und einen Puck. Wir hatten grosses Glück, die Temperatur blieb ständig um zehn Grad unter Null, das Eis war herrlich.

Bald wurde auch der erste Match, der Senioren natürlich, angesagt. Der Eishockey-Club Bern-Länggasse wollte sich mit den Solothurnern messen. Während des Spieles unterhielt sich unser Trainer Willi Henzi mit dem Trainer der Berner. Letzterer erklärte Willi, dass die Berner Junioren gerne bereit seien, gegen uns zu spielen. Hei, nun konnte unser im Stillen gehegter Traum, gegen eine richtige Mannschaft antreten zu können, erfüllt werden. Aber wir hatten uns zu früh gefreut, am andern Tag setzte Tauwetter ein. Nun konnten wir sämtliche Hoffnungen begraben, gegen die Berner zu spielen, denn wir konnten ja nicht mehr trainieren. Enttäuscht halfen wir Herrn Balboni, die Plakate einzusammeln, und darauf nahmen wir Abschied von unserem ‹Chef›. Nun war die ganze Herrlichkeit wieder für ein Jahr vorbei».

«Ein bisschen heiss Wasser und recht viel Rhum»

Die Eisbahn am Herrenweg war aber nicht nur das Hockeystadion des heutigen EHC Zuchwil-Regio, sondern auch ein Quartiertreffpunkt, wie sich Hug erinnerte: «An freien Nachmittagen verkaufte ich im winzigen Kassenhäuschen Eintritte und unsere Nachbarin, Frau Pfluger hatte ebenfalls eine Nische, wo sie Tee verkaufte. Zwischendurch ging sie hinaus in die Kabine und brachte Ordnung in die Schuhe und Kleider der Eisbahngäste. Die Eisbahn war matt beleuchtet und bis etwa 22 Uhr offen. Ich musste jeweils den alten Grammofon aufziehen und die Anlage beschallen. Von den zehn Platten könnte ich acht wohl heute noch auswendig. Den Frühlingsstimmenwalzer von Johann Strauss habe ich rauf und runter abgespielt, und sehr beliebt war auch das Lied «Ein bisschen heiss Wasser und recht viel Rhum».

Eines Tages traf mich fast der Schlag, als plötzlich mein Vater am Kassenhäuschen stand. Mit Hut, Gilet und Krawatte, angezogen als wollte er ins Büro, die anschnallbaren Kufen elegant über die Schulter gelegt. In diesem Aufzug ging er aufs Eis und zog in sauberen Vierecken gravitätisch seine Bahnen. Er beherrschte das ganz gut. Der Anblick belustigte aber viele; hinter vorgehaltener Hand wurde getuschelt. Er kam noch mehrere Male und einmal sprach mich einer an, das sei doch mein Vater: Ich sagte Nein. Ich weiss, dafür muss ich sicher im Jenseits noch büssen. Als 1956 in Langendorf die Kunsteisbahn eröffnet wurde, war es vorbei mit dem Hockey und der Eisbahn in der Hubelmatt.

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