Friedhofsplatz in Solothurn

Als der Landammann im Solothurner Café Schöpfer k.o. ging

Das ehemalige «Misteli-Gasche», heute «Anacapri». zvg

Das ehemalige «Misteli-Gasche», heute «Anacapri». zvg

Das «Anacapri» am Friedhofplatz lässt «Misteli»-Zeiten aufleben. Ein Viergänger wie anno dazumal und geschichtliche Reminiszenzen prägten die gut besuchte Vernissage. Dabei erfährt man die eine oder andere interessante Geschichte.

Die Stadthostess Therese Wyss kennt sie gut, die Geschichte des einst stadtbekannten Gasthauses «Misteli-Gasche», das 1985 in den Besitz der Baugenossenschaft Wengia überging. Zwischen den kulinarischen Gängen blickte sie zurück und wies darauf hin, dass sich die Eigentümer des markanten Gebäudekomplexes, der ursprünglich aus zwei Häusern bestand, bis ins 15. Jahrhundert verfolgen lassen.

Spuren hinterlassen

Die gehobene Wohnkultur der Familien Hebolt, Hugi, Grimm, Müntschi und Wallier, die das Eckhaus an der Pfisterngasse prägten, hat Spuren hinterlassen, die vor allem während des durchgreifenden Umbaus Ende der Neunzigerjahre zum Vorschein kamen. Darunter eine freigelegte Fenstersäule aus den 1520er Jahren im Hochparterre und Reste von Dekorationsmalereien. Stolz sind die derzeitigen Hausbesitzer auch auf die altdeutsche Stube von 1888 mit Butzen- und Wappenscheiben. Sie geht auf die Initiative des damaligen «Drei Männer Vereins» zurück, dessen Mitglieder wohl Anhänger der deutschen Burschenherrlichkeit waren.

«Café Schöpfer»

Viel zu erzählen gibt es laut Therese Wyss über die Zeit, als die Pinte den Namen «Café Schöpfer» trug. Das geschah, nachdem die Witwe des langjährigen Besitzers Viktor Schmid, der auf dem Haus ein Patent für eine Speisewirtschaft besass, den Stadtkassier Johann Schöpfer heiratete. Im Café Schöpfer traf sich die geistige und politische Prominenz zum Frühschoppen, zum Caféjass und Abendhock. Zu den stadtbekannten Persönlichkeiten gehörte auch der Maler Frank Buchser. Dieser wurde 1864 Ammann von Feldbrunnen und kandidierte 1865 in einer Ersatzwahl für den Kantonsrat.

«Die Schlacht bei Waterloo»

Als politischer Heisssporn bekannt, war er aber der Regierung nicht genehm. Durch deren Haltung verletzt, geriet Buchser im Café Schöpfer in einen Disput mit Landammann Ackermann. In der Hitze des Wortgefechts warf der erzürnte Maler dem Landammann einen Bierhumpen an den Kopf. Mit blutender Stirn brach dieser zusammen und war einige Tage nicht mehr regierungsfähig. Buchser versuchte alles zu verharmlosen, indem er angab, es sei nicht seine Absicht gewesen, Ackermann den Humpen an den Kopf zu werfen, sondern lediglich dessen Inhalt. Das Ereignis wurde in einer anonymen Broschüre unter dem Titel «Die Schlacht bei Waterloo» festgehalten, und aus dem Café Schöpfer wurde kurzfristig das Café Waterloo.

Ein neues Kapitel Besitzergeschichte wurde aufgeschlagen, als sich die Jungfer Gasche, die im Café Schöpfer die Gäste bediente, in einen bärenstarken Schmied aus Etziken namens Oskar Misteli verliebte. 1909 ging die Gaststätte in den Besitz der Familie Misteli-Gasche über, die das Haus während 76 Jahren prägte und deren kulinarische Höhenflüge das «Anacapri» während des Monats Mai wieder aufleben lässt. Genannt seien das legendäre Entrecôte «Café de Paris» mit den ebenso legendären Pommes Allumettes sowie der Saumon frais «Misteli» avec toast et beurre.

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