Nach dem 5:0 gegen Brasilien habe ich den Fernseher abgestellt.» Pia Wyss regt sich sichtlich auf. «I ha de Schwoobe nümm chönne zuluege.» Um nachzuschieben. «Aber starch sie sie scho, hüür!» 1954 hatte die damals 14-jährige Pia Nussbaumer eine noch viel schlechtere Meinung von den Deutschen gehabt: «Holzhacker waren sie.» Ganz anders die Ungarn – «so einen Fussball haben die gespielt», schwärmt die Fussballkennerin aus Leidenschaft. Die vife Wirtsleute-Tochter im damaligen Solothurner Restaurant Schlachthaus erlebte, wie Puskas, Bozsik, Czibor und Hidegkuti jeden Abend nach dem Nachtessen in der «Krone» im «Schlachthaus» vorbeikamen. «Sie hatten zwar als kommunistische Mannschaft Aufpasser dabei. Aber sonst konnten sie sich frei bewegen und spielten bei uns im Restaurant am Fussballkasten.» Ferenc Puskas, ihr Star, sei nicht nur auf dem Rasen, sondern auch beim «Töggele» ein As gewesen.

Den verhängnisvollen Finaltag erlebte Pia Wyss allerdings nicht in Bern, sondern im «Schlachthaus», dem heutigen «Bindella». Kurz vor WM-Beginn hatte nämlich ihre Mutter, ebenfalls ein riesiger Fussballfan beschlossen: «Jetzt muss ein Fernseher her.» Im Säli schaute halb Solothurn die WM-Spiele, Mutter Nussbaumer auf dem reservierten Stuhl. «Und ich musste helfen. Wobei, während des Matchs gabs nichts zu trinken. Erst wieder in der Pause.» Nie hätten die Ungarn in der Beiz über die Schnur gehauen, «sie waren sehr anständig und freundlich.» Ungeheuer traurig sei sie nach der 3:2-Finalniederlage ihrer Idole gewesen. Und sie hat die Erklärungen: «In der Vorrunde, als die Deutschen 8:3 gegen Ungarn verloren, haben die den Puskas zusammengehackt.» Die Deutschen seien dann «wie Furien» gewesen; «das ging nicht mit richtigen Dingen zu», spielt sie auf die später kolportierte Doping-Geschichte an. 

Geblieben ist Pia Wyss ein kleines gerahmtes Bild mit den signierten Porträts der Ungarn, die 1953 im Wembley England 6:3 geschlagen hatten. Nur einer der Triumphe, den die Ungarn damals aneinanderreihten. Vor dem ominösen Finaltag waren die Magyaren seit dem 14. Mai 1950 in 32 Spielen ungeschlagen geblieben. Das sollte auch in Solothurn vorerst noch so bleiben. «Ich spielte in beiden Freundschaftsspielen gegen die Ungarn mit. Eigentlich waren solche während der WM gar nicht erlaubt. Deshalb gab es keine Vorankündigung, als wir mit dem FC Solothurn antraten. Dennoch waren 4500 Zuschauer im Stadion», erzählt der damals 18-jährige Albert «Albi» Kuhn, der gerade mit dem FC Solothurn in die Nationalliga B aufgestiegen war. «Immerhin schossen wir gegen die Ungarn ein Goal. Das schaffte sonst niemand in einem Testspiel.» Erzielt hatte es Franz Mühlebach. Kuhn rannte als rechter Flügel ergebnislos gegen die Ungarn an. «Ich bekam von Verteidiger Todt ein ‹Näggi› am Knie ab, das man heute noch sieht», so Kuhns eher schmerzhafte Erinnerung – denn auch mit YB ging er gegen die Magyaren in einem zweiten Testspiel 9:0 ein. Mit beim FC Solothurn durfte der damalige Junior Fredy Wyss für eine Halbzeit ran. Und erhielt von den Ungarn wie alle Mitspieler jenes signierte Bild, das seine spätere Frau Pia noch heute wie einen Augapfel hütet.

Im selben Juniorenteam steckten 1954 auch der spätere HESO-OK-Präsident Rolf Christ und der nachmalige Präsident des FC Solothurn, Robert Beer. «Wir besuchten jedes Training im Stadion», erinnert sich Christ. Da sei einer der Ungarn-»Hämmer» an die Stange hinter dem Goal gekracht und von dort an den Hinterkopf eines Buben, der auf der Umrandungsmauer sass und herunterpurzelte. «Von da an hatten wir hinter dem Goal nichts mehr zu suchen.» Robert Beer sah damals die Ungarn-Stars «jeden Tag in ihren Trainern durch die Stadt spazieren. Sie gingen immer zu Fuss vom Stadion in die ‹Krone› zurück.» Beer, damals 19, schaffte es am Finaltag auch, im Wankdorf dabei zu sein. «Wir fuhren sehr früh im alten BMW des Vaters meines Kollegen nach Bern, kauften Stehplatz-Billetts und sahen das Spiel hinter dem Ungarn-Tor, wo das 3:2 fiel. Am Schluss waren wir sehr traurig. Das Ganze war tragisch.» Niemand in der Schweiz hätte Freude am deutschen Sieg gehabt. Rolf Christ: «Abends kehrten die Ungarn nach Solothurn zurück, wo alles für die Siegesfeier vorbereitet gewesen wäre. Wir standen auf dem Kronenplatz, die unglücklichen Verlierer winkten nochmals kurz vom Hotelbalkon zu uns herunter. Wir applaudierten, dann verschwanden sie.»

Und sollten zu Hause mit dem kommunistischen Regime noch eine Menge Ärger bekommen. Der viele Teammitglieder nach dem Aufstand 1956 veranlasste, ihre Heimat zu verlassen und im Westen Europas Karriere zu machen. So Ferenc Puskas bei Real Madrid, mit dem er dreimal den Europacup holte.

Vor dem denkwürdigen Nachmittag im Wankdorf hatte Ungarn bereits eine Weltmeister-Briefmarke gedruckt; in Budapest standen schon 17 Sockel für die geplanten Denkmäler der bald heimkehrenden Weltmeister. Doch einer hatte etwas dagegen: der deutsche Bundestrainer Sepp Herberger. Auch Robert Beer, Albert Kuhn und Rolf Christ werfen ihm wie Pia Wyss vor, einen «Klopfer» im Vorrundenspiel gegen Ungarn auf Puskas angesetzt zu haben. Doch Herberger hatte bei der 8:3-Niederlage Morddrohungen aus der Heimat riskiert und eine zweite Garnitur aufs Feld geschickt. Herbergers Mannen waren aber auch die ersten WM-Spieler, die mit schraubbaren Wechselstollen auf dem verregneten Wankdorfrasen antraten. Die Ungarn ihrerseits hatten viel Energie im Halbfinal verpufft: Sie schlugen ohne den verletzten Puskas Uruguay erst in der Verlängerung 4:2, verpassten den letzten Bus nach Solothurn und trafen dann spät nachts mit einigen in Bern aufgetriebenen Privatautos in der «Krone» ein.

Diese hatte früh auch schon Sepp Herberger als deutsches Quartier ausgespäht. Doch verzichtete er wegen des Nachtlärms durch die St.-Ursen-Glocken. Zudem war ihm bekannt, dass in Solothurn ein grosses Musikfest (vgl. unten) am Finalwochenende angesagt war. So zog der deutsche Trainer das ruhige Spiez als Team-Quartier vor. «Ich habe vor dem Final nicht besonders gut geschlafen», räumte später Ungarns Goalie Gyula Grosics ein – ein «Volksfest in Solothurn» habe ihn daran gehindert. Die Ungarn liessen es sich in der Krone gut gehen, brachten laut Hoteliersgattin Erna Bossi dem Küchenchef sogar bei, wie man ein Paprikahendl zubereitet. Champagner soll literweise geflossen, Gulasch in Mengen verzehrt worden sein. «Und die Rede war von hohen Telefonrechnungen der Ungarn», erinnert sich Rolf Christ.

Der schlaue Fuchs Herberger dagegen hatte in der «Krone» seinen Assistenten Albert Sing, den späteren YB-Trainer, als Spion eingeschleust. «Der schrieb alles auf, was wir machten. Was wir assen, wann wir tafelten, wann und wie wir trainierten, wann wir zu Bett gingen, ob allein oder nicht, und was wir abends tranken», so Gyula Lorant in einem «Spiegel»-Interview 1977. Solothurn hatte seine, eine wichtige Rolle beim «Wunder von Bern» gespielt. Eine tragische Rolle für die Ungarn, mit denen damals ganz Solothurn trauerte.

Auch Pia Wyss. Die den 4. Juli 1954, als ihre Idole vom Sockel stürzten, vielleicht erst vor fünf Jahren halbwegs verwunden hat: «In Budapest machte ich mich aus der Reisegruppe davon und besuchte das Grab von Ferenc Puskas.»