Oft wirds erst gut, wenn man so richtig übertreibt. Sagt Valerio Moser, Slam Poet aus Solothurn. Sechzehn Sechstklässler aus Zuchwil hängen gebannt an seinen Lippen. «Wie sähe euer schönster oder schrecklichster Tag im Leben aus?», fragt er sie. Papier raschelt, Stifte klappern. «Und dann überlegt euch, was noch schöner oder noch schlimmer sein könnte.

Geht immer weiter, bis ihr nicht mehr steigern könnt», erklärt Moser den Kindern die Übung. An seiner Seite steht Remo Rickenbacher aus Thun, Slam-Poet auch er. Gemeinsam leiten sie den Spoken-Word-Workshop im Alten Spital. Hier und im Haus Hirschen finden die Jugend- und Kinderliteraturtage statt – die Solothurner Literaturtage im Kleinen quasi.

«I bi es jämmerlichs Mikrofon»

Zehn Minuten bekommen die Kinder Zeit zum Schreiben. Auf Schweizerdeutsch. Schimpfwörter sind erlaubt. Erfinden ist erwünscht. «Es darf alles passieren, alles ist möglich», spornt Valerio Moser sie an. Mit Hingabe sind die Schülerinnen und Schüler bei der Sache. «Man kann so kreativ sein und sich austoben», begeistert sich die 13-jährige Gamze. «Und man darf fluchen, aber das mache ich nicht», hängt sie verschmitzt an.

Gerade daran findet der 12-jährige Ajay Gefallen. «Gang hei du Wixer», lässt er eine Figur in seinem Text ausrufen. Von Flammenwerfern und Drachenklauen ist darin die Rede. Und das, obschon sein Deutsch noch holpert. Während er und seine Kameraden sich ins Fabulieren vertiefen, gehen Valerio Moser und Remo Rickenbacher im Raum herum, bleiben mal hier stehen, geben mal da einen Tipp.

Nach jeder Schreibübung bitten die Workshopleiter ein paar Mutige, ihre Texte im Rund laut vorzulesen. Viele Hände schnellen in die Höhe. «Was wäre, wenn ich ein Löffel, ein Pult oder etwa eine Zahnbürste wäre? Was würde ich tun? Wo befinde ich mich?», formulierte Moser zuvor die Aufgabe.

Der 11-jährige Simon steht auf und liest vor: «Aui schreie mi die ganzi Ziyt a. Und den nidemau sehr guet. I bi es jämmerlichs Mikrofon. Und die Lüt wei mi umbringe! Mit em Würgegriff am Hals schreiesi mi a mit ihre Herzproblemene. Chöi di nid e angere Gegestand aschreie.»

Moser und Rickenbacher nicken anerkennend. «Ich werde das nächste Mal auf der Bühne daran denken, wenn ich das Mikrofon in der Hand halte», meint Moser schmunzelnd.

«Kinder noch nie so produktiv»

Moser und Rickenbacher bringen Kindern und Jugendlichen das Spiel mit Sprache schon seit Jahren in Workshops näher. «Unser Ziel ist es, die Kreativität zu aktivieren und Freude zu wecken», sagt Moser. Die Kompetenzen, die die Kinder dabei lernten, gingen übers Schreiben hinaus. «Meine Erfahrung ist, dass Blockaden überwunden und Klassendynamiken durchbrochen werden – da stehen oft Leute hin, die sich sowas sonst nie getrauen würden.»

Auch Klassenlehrer Sandro Rossetti beobachtet seine Sechstklässler: «Ich habe die Kinder noch nie so produktiv mit Texten arbeiten sehen», sagt er, sichtlich fasziniert. Er werde sicher auch im Lehrerkollegium für diese Art des spielerischen Schreibens Werbung machen. Im Rahmen seiner Möglichkeiten wolle er es auch im Unterricht weiterführen. Und was ihn besonders freut: «Einer meiner schwächeren Schüler hatte den Mut, seinen Text vorzutragen – das hätte ich nie gedacht. Das ist wunderbar.»