Noch ohne Verleih
Alles begann im Rosengarten: Wie der Film nach Solothurn kam

Vor 120 Jahren fanden in Solothurn die ersten Tage des Films statt. Sie waren der Beginn einer glanzvollen Zukunft des Kinounternehmers Georges Hipleh-Walt.

Helmuth Zipperlen
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Das Restaurant Rosengarten anno 1915, wie es aber auch schon 17 Jahre vorher ausgesehen haben dürfte.

Das Restaurant Rosengarten anno 1915, wie es aber auch schon 17 Jahre vorher ausgesehen haben dürfte.

zvg/zb-archiv

Wir schreiben das Jahr 1898. Vis-à-vis des Restaurants Rosengarten, wo die meisten Abendunterhaltungen der städtischen Vereine stattfanden, gastierte das Moskauer Panoptikum mit Wachsfiguren. In einem Restaurantsaal war der «kleinste Mann der Welt» zu besichtigen, Schlangenmenschen und andere Artisten produzierten sich in verschiedenen Sälen. Im Stadttheater fand das Gastspiel einer Schauspielerin vom Gärtnerplatztheater in München mit dem Drama von Ludwig Ganghofer «Der Herrgottschnitzer von Oberammergau» statt.

Vieles davon fand im redaktionellen Teil des «Solothurner Tagblattes» und des «Solothurner Anzeigers» seinen Platz. Hingegen verpassten beide Redaktionen den Einzug des Films in Solothurn. In einem nur im «Solothurner Tagblatt» am 26. November 1898 publizierten Inserat war Folgendes zu vernehmen: Théàtre Kinemathographe im Restaurant Rosengarten. Drei grosse Vorstellungen am Sonntag, 27. November, zwischen 3 und 6 Uhr nachmittags und zwischen 8 und 10 Uhr abends und am Montag, 28. November, abends von 8 bis 10 Uhr. Eintritt für Erwachsene 50 Cts., für Kinder 25 Cts. Der Saal ist geheizt.

Was lief 1898 in Solothurn?

Der in Biel aufgewachsene Deutsche Georges Hipleh-Walt erkannte, dass Film eine Zukunft hat. Bisher zogen verschiedene Schausteller durchs Land, welche an Jahrmärkten und Festivitäten Filme zeigten. Georges Hipleh-Walt strebte nach Höherem. Die Premiere für sein geplantes Unternehmen fand im nahegelegenen Solothurn statt, und zwar in einem geschlossenen Saal, welcher auch sonst kulturellen Zwecken diente.

Leider wissen wir nicht, was die Solothurner 1898 zu sehen bekommen hatten. Die «Schausteller» mussten die Filme kaufen. Es gab noch keinen Verleih. Gezeigt wurden in der Regel kurze Filme, sodass man einfach in der im Inserat angegeben Zeit kommen konnte und sich so lange aufhalten konnte, wie man wollte. Ob Hipleh-Walt in Solothurn bereits eigene Filme vorführte, ist fraglich. Später hat er selber Filme produziert, vorwiegend über Feste und Bräuche der Schweiz. Er begann seine Filme auch anderen Unternehmern zur Verfügung zu stellen und wurde so auch im Verleihwesen zu einem Pionier. Er kaufte auch Filme bei Méliès ein. Georges Méliès produzierte jährlich etwa ein Dutzend Kurzfilme.

1897 waren dies unter anderen «Après le Bal», «Entre Calais et Douvre» oder «Combat naval en Grèce». Also nicht auszuschliessen, dass einer dieser Streifen das damalige Solothurner Publikum entzückte. Nach Solothurn ging es nach Yverdon-les-Bains. Dort allerdings ohne Erfolg. In Genf schliesslich kaufte Hipleh-Walt eine Schaubude, welche er am 31. Dezember 1898 eröffnete. Damit legte er den Grundstein zum ersten festen Kinotheater. In der Folge wurden er und seine Söhne zu Kinobetreibern in den grossen Städten Bern, Zürich und Basel und einigen Kinos in kleineren Städten. Noch aber ist es nicht so weit. Zuerst erstand er ein Zelt, in welchem 2500 Personen Platz fanden, und schlug dies in grösseren Städten auf. Dafür brauchte er 20 Mitarbeiter und 12 Musiker und investierte 150 000 Franken in das Unternehmen.

Film in Solothurn

Ob bis zum Bau der Kinos in Solothurn weitere Filme von Schaustellern gezeigt wurden, ist nicht auszumachen. Vermutlich schon. Als nach dem Ersten Weltkrieg der Film seinen Siegeszug antrat, wollten auch Solothurner nicht zurückstehen. Werner Bürkl und Friedrich Zaugg-Kauer – Erbauer des «Palace» – gründeten 1925 die Margosa Filmgesellschaft mit Sitz in Solothurn-Steingruben und drehten mit Werner Bürki als Regisseur und Hauptdarsteller und Friedrich Zaugg an der Kamera das Drama «Dein Begehren ist Sünde». Trotz dem reisserischen Titel blieb sogar das Solothurner Publikum der Aufführung fern, sodass die eben gegründete Filmgesellschaft schon wieder Pleite ging.

Bis zum Tonfilm ging dann wieder nichts mehr. Dann kam Ernst Brun und drehte 16-Millimeter-Filme über Solothurner Ereignisse oder Porträts wie jenes über Cuno Amiet. Diese Filme haben heute einen unschätzbaren historischen Wert. Dazu gehört auch der Film über den Bau der Kantonsschule von Fred Obrecht.

Die Solothurner waren filmaffin und so erfreuten sich die Kulturfilmgemeinde und schliesslich die Filmgilde eines grossen Zuspruchs. Letztere legte bekanntlich den Grundstein zu den Solothurner Filmtagen. Wenn das die Redaktoren des «Solothurner Tagblattes» und der «Solothurner Nachrichten» 1898 geahnt hätten, hätten sie wohl dem Théàtre Kinematographe einige Zeilen gewidmet.

Quelle Geschichte des Schweizer Films von Hervé Dumont

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