Albert Wegelin hört auf zu essen. Eigentlich weiss er selbst nicht, warum. Bis man ihm sagt, er befinde sich in einem Hungerstreik und sei ein Widerstandskämpfer. Plötzlich wird aus dem leisen Leisetreter ein Held. Auf Geheiss eines windigen Journalisten, einer selbstverliebten (Ex-)Freundin und der durchtriebenen Mutter hungert er sich beinahe zum Tod, bis er erkennt: «Die wollen mich umbringen!»

Dies ist die grobe Nacherzählung von «Der Mann in der Badewanne oder Wie man ein Held wird», das neue Stück von Lukas Linder. Der 27-Jährige ist im Rahmen des Förderprogramms für junge Schweizer Dramatik «Stück Labor Basel» in dieser Saison Hausautor am Theater Biel Solothurn.

Trifft den Nerv der Zeit

«Der Mann in der Badewanne oder Wie man ein Held wird» ist ein leichtes Theaterstück, lustig, bitterböse, klug, reichhaltig. Da trifft einer den Nerv der Zeit genau. Im Zentrum stehen der Wille und die Frage, wie dieser frei sein kann in unserer Gesellschaft. Das Stück versucht nicht, Antworten zu geben, dafür ist es zu intelligent gemacht. Vielmehr ist es eine Darstellung des komplexen Geflechtes von personellen Ansprüchen und politischen Machtfeldern, denen wir von allen Seiten ausgesetzt sind.

Albert Wegelin ist die willenlose Figur par excellence. «Ein fröhlicher Mann, ein glücklicher Mensch», der immer freundlich ist, sich nie beschwert, auch «wenn aus dem Wenigen noch weniger wird». Der seinem Nebenbuhler (Jan-Philip Walter Heinzel) sogar gratuliert, als dieser sein Büro einnimmt, sein Vorgesetzter wird und ihn dann entlässt. Seine Freundin Dora (Miriam Strübel) verlässt ihn nicht etwa, nein, sie «ist einfach nur gegangen und noch unschlüssig darüber, wann sie wieder zurückkommen wird».

Dann weint er ganz kurz in sein Köfferchen, das er sogleich wieder gut verschliesst. Albert Wegelin, der selbst keinen Willen hat, wird zum Instrument derer, die einen Helden wollen. Als Sohn, als Freund, als Erzählung. Der vermeintliche Ausweg besteht im Ablegen der Menschlichkeit, im wörtlichen Zum-Tier-werden.

Alles rollt

Das Ensemble des Theaters Biel Solothurn liefert eine hervorragende Performance. Allen voran Matthias Schoch. Unglaublich mit welchem nicht aufgesetzten, sondern glaubhaften Lächeln er als Albert Wegelin herumläuft, der doch vor Zorn, Trauer und Scham zittern müsste. Dann Günther Baumann, der den Vater Wegelins als herrlich verbrämten Biedermann neben der durchtriebenen Mutter (Barbara Grimm) spielt.

Katharina Rupp inszeniert «Der Mann in der Badewanne oder Wie man ein Held wird» luftig, mit vielen umwerfend komischen Szenen, doch nie oberflächlich. Durchgängiges Motiv ihrer Inszenierung ist die Bewegung auf Rollen. Tische, Stühle, Badewannen und Kühlschränke – alles rollt. Die Gesellschaft als ein wohlgeschmiertes Räderwerk. Und gleichwohl wird über all diesen Einfällen und Skurrilitäten die Psychologie nicht vergessen. Die Figuren sind greifbar, nachvollziehbar dargestellt und verkommen trotz dem philosophischen Hintergrund nie zu Konstrukten. Dementsprechend war die Premiere ein voller Erfolg. Schon während einzelner Szenen wurde heftig geklatscht, am Ende des grossartigen Abends gab es enormen Applaus.

Weitere Aufführungen: Solothurn: Sa 19.5., Mi 30.5., Fr 1.6., Di 12.6. Biel: Mi 23.5. (Premiere Biel), Fr 25.5., Sa 9.6., Di 19.6. jeweils 19:30 Uhr, Sa 19 Uhr.