Abschied Kurt Fluri
Gemeinderätin und Nationalrätin Franziska Roth (SP) macht Kurt Fluri zum Abschied ein unmoralisches Angebot

Franziska Roth hat es vor vier Jahren auf das Stadtpräsidium abgesehen, ist Kurt Fluri aber unterlegen. Jetzt macht sie Kurt Fluri ein unmoralisches Angebot.

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Stadtpräsidium Wahlen 2017: Interview mit Kurt Fluri und Franziska Roth im Ramada-Hotel Solothurn.

Stadtpräsidium Wahlen 2017: Interview mit Kurt Fluri und Franziska Roth im Ramada-Hotel Solothurn.

Andreas Kaufmann

Lieber Kurt

Eigentlich habe ich nicht daran geglaubt, dass du das Amt wirklich abgibst. Ist es nun aber tatsächlich so: Am 26. Oktober hast Du Deine letzte Gemeinderatssitzung geleitet.

Vielleicht denkst Du jetzt: «Auch Du, Brutus? Franziska, muss das sein?» Ja, es muss und ich habe mich so richtig gefreut darauf. Denn heute darf ich über Dich schreiben, ohne dass Du Dich wehren kannst! Aber den Brutus musst Du in mir gewiss nicht fürchten, denn Brutus kam ja bekanntermassen aus den eigenen Reihen.

Ich erinnere mich gut, als ich die Kinder von Herbetswil, was ja Deine Heimatgemeinde ist, auf dem Weissenstein fragte: «Kennt ihr die hellsten drei Solothurner?» und eines wie aus der Pistole geschossen meinte: «Also einer ist sicher Kurt Fluri.» Ja, Du bist auch dort bekannt, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen.

Deine Dossierkenntnis, Deine Belesenheit sind legendär. Als Gemeinderätin und als Nationalrätin zolle ich Dir den grössten Respekt dafür. Man erkennt, dass Du die politischen Zusammenhänge aus dem Effeff erschliessen kannst. Oder wie Du selbst sagtest: «Ich muss in Solothurn das ausessen, was ich in Bern anrichte.»

Deine Schlagfertigkeit ist entwaffnend. Gepaart mit schwarzem Humor hast Du uns Roten das Gelbe vom Ei erklärt. Und nannte ein Gemeinderatsmitglied Zahlen, die nur annähernd richtig waren, so korrigiertest Du auf die Kommastelle genau. Sinnbildlich dafür war Deine Reaktion bei Giaccobo Müller, als er meinte, Du seist mit Deinen Kindern der Roger Federer vom Nationalrat, der ja auch mehrmals Zwillinge habe: «Nein, nur mit Zwillingen kommt man nicht auf fünf, ich habe noch eines zwischendrin.» Du pariertest der medialen Kritik über Dein Salär und unserer roten Kritik gegenüber den vielen Ämtli mit Deinen Arbeitsstunden bis weit nach Mitternacht statt zu Bürozeiten mit Aussagen wie: «Das Büro ist meine Zweitwohnung, Politik mein Hobby, ich habe das ganze Jahr bezahlten Urlaub.» Du hast uns Roten schon ab und zu zur Weissglut getrieben.

Eine Ankedote steht sinnbildlich für Deine Stadtpräsidiumsarbeit. Wann und welcher Anlass es war, weiss ich nicht mehr, da müsste ich jetzt Dich fragen. Der Gemeinderat nahm an einer Art Spiel ohne Grenzen teil. Dabei mussten wir mit dem Velo Geschicklichkeit und Tempo beweisen. Ich war mir sicher, da gewinne ich. Falsch. Du hast gewonnen. Du studiertest die Aufgabe, beobachtetest uns Draufgänger mit Rennvelos, stiegst aufs Dreigangrad, fuhrst gelassen und fehlerfrei den Corso mit Maximalpunktezahl.

Mit einem Augenzwinkern mache ich Dir ein unmoralisches Angebot: Da Du ja nicht wirklich aufhören kannst, wie wäre es, wenn wir zwei uns im Jobsharing für den Bundesrat bewerben? Wir decken zusammen breite gesellschaftliche Fragen ab. Ich Rampensau, Du das Gegenteil – ich weiss nur nicht, wie man dem sagt. Du vertrittst Justizia, ich Heinrich Pestalozzi. Und den Propheten, die 2023 die SP und die FDP mit zwei Sitzen im Bundesrat übervertreten sehen, machen wir gehörig einen Strich durch die Rechnung.

Lieber Kurt. Du bliebst Dir immer treu, Schauspielerei ist Dir fremd, auch wenn Dein Meisterstück die Renovierung des Stadttheaters ist. Es ist mir eine Ehre, dass ich im Namen der Sozialdemokrat:innen Dir für Deine 28 Jahre als Stadtpräsident aufrichtig danken darf.

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