Kunstmuseum Solothurn
9000 Seifen, Tränen und ein Sonderling - Ingeborg Lüscher in der Retrospektive

Das Kunstmuseum Solothurn widmet Ingeborg Lüscher eine grosse Retrospektive. Erstmals wird ihr aus Seifen gefertigtes «Bernsteinzimmer» in einem Schweizer Museum gezeigt

Fränzi Zwahlen-Saner
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Ausstellung der Künstlerin Ingeborg Lüscher im Kunstmuseum
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Ausstellung von Ingeborg Lüscher
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Ausstellung von Ingeborg Lüscher (4)

Ausstellung der Künstlerin Ingeborg Lüscher im Kunstmuseum

Hanspeter Bärtschi

«Dass Ingeborg Lüscher dieses Jahr 80 Jahre alt wird und wir eine Retrospektive über sie zeigen, ist ein Zufall», sagt Christoph Vögele, Kurator des Kunstmuseums Solothurn. Es freue ihn, dass die international erfolgreiche Künstlerin, die seit vielen Jahren in Tegna im Tessin lebt, bereits zum dritten Mal in Solothurner Kunstmuseum zu Gast ist. «Solothurn und Ingeborg Lüscher – das ist fast eine Liebesgeschichte.» Bereits Vögeles Vorgänger André Kamber zeigte Lüschers Arbeiten hier, 1972 und 1992 war das.

Eine Retrospektive für Ingeborg Lüscher ist eine abwechslungsreiche und auch eine sehr emotionale Angelegenheit. Lebenslust, Humor, aber auch Traurigkeit und soziales Engagement zeigen ihre künstlerischen Positionen. «Alles, was das Leben ausmacht», sagt die Künstlerin selbst dazu. Die gebürtige Freibergerin (Sachsen), die ab 1949 in West-Berlin lebte, zunächst Schauspielerin war und 1959 in die Schweiz kam, übertitelt die Solothurner Schau mit «Das Licht – und die Dunkelheit knapp unter den Füssen». Alle Säle des unteren Stockwerks des Kunstmuseums hat Lüscher bespielen können. «Sie selbst hat die Auswahl ihrer Werke getroffen. Ich habe nur ein paar Wünsche angebracht», so Vögele. Ingeborg Lüscher macht alles: Malen, Fotografieren, Videokunst, Installationen, Sammeln, Schreiben. «Nur musizieren nicht», sagt sie und lacht.

Der Tarnmantel

Gleich beim Eintritt ins Lüscher’sche Universum wird man mit einem ihrer Hauptwerke konfrontiert. «Man muss sich schon etwas Zeit nehmen und die Tafeln lesen, damit man alles versteht», fordert die Künstlerin, und sie erzählt, wie sie 1969 den Einsiedler und Sonderling Armand Schulthess in seinem Haus und seinem Waldgrundstück im Onsernonetal entdeckte und sein Leben dokumentierte. «A.S.» – diese Arbeit war 1972 Lüschers Eintritt in die internationale Kunstszene an der documenta 5 in Kassel.

Die Skulptur von 1999 «Damit du durch Venedig gehen kannst und keiner Dich erkennt...» macht stutzig. Ein drei Meter hoher «Golem», aus lauter Dattelpalmenrindenstücken. Diese Arbeit bezeugt deutlich Lüschers Arbeitsansatz: «Ich finde einen Werkstoff, der mich reizt und mache etwas daraus. Hier stellte ich für meinen Mann Harald Szeemann eine Art Tarnmantel her, denn er war zu jener Zeit an der Biennale in Venedig und jedermann wollte was von ihm. Ich schenkte ihm diesen Tarnmantel zu Weihnachten und er war einfach baff.»

Ingeborg Lüschers Kunst bringt man gerne mit gelbem Schwefelstaub in Verbindung. Auch die sogenannten «Schwefelarschachteln» und grosse Schwefelbilder sind zu sehen: Licht und Dunkelheit.

Humorvoll und ironisch wird es dann im dritten Saal. «Prof. L.» zeigt Lüschers «cardio-psychologische Studie» «Das Herz auf dem Weg zur Werdung» aus dem Jahr 1975. Die Künstlerin hat eine eigene Wissenschaftsdisziplin erfunden. In 22 Holzvitrinen zeigt sie die Unterschiede und Zusammenhänge von Herzformen aus Steinen. In angehängten Texten lernt der Besucher alles über die neue «Wissenschaft» und die Achtzigjährige freut sich noch heute diebisch an ihren ironischen Texten.

«Unser Team hat viel mitgeweint»

Ernst wird es im abgedunkelten Saal mit der Videoarbeit «Die andere Seite». Lüscher erzählt: «Es geht um den Konflikt zwischen Israel und Palästina. Die Opfer, die auf beiden Seiten gefordert werden und wie betroffene Familien damit umgehen.» 30 Personen wurden je drei identische Fragen gestellt. Diese werden von den Betroffenen ganz ohne Worte, allein mittels ihrer Mimik beantwortet. Es sind erschütternde Schwarz-Weiss-Aufnahmen. «Diese Arbeit war ungeheuer anstrengend», erzählt Lüscher. «Unser Team hat viel mitgeweint.»

Dann gehts ins Bernsteinzimmer. «Die Geschichte um das verschollene oder zerstörte Bernsteinzimmer hat mich immer fasziniert», so die Künstlerin. Und als sie eines Tages ein neues Stück Seife der italienischen Firma Sole gegen das Licht hielt, dachte sie sich: So hat das Bernsteinzimmer doch sicher mal geleuchtet. Doch Lüschers Bernsteinzimmer leuchtet nicht nur, es duftet auch. Solothurn zeigt als erstes Museum der Schweiz dieses Werk aus 9000 Seifen-Stücken.