5.30 Uhr. Mein Wecker klingelt schrill. Sekunden später: inbrünstiges Glockengeläut von zwei verschiedenen Seiten. Also eigentlich erst von der einen, dann von der anderen. Die Uhren des Bieltors und des Zeitglockenturms bimmeln, wie schon 15 Minuten zuvor, durch die noch dunklen Gassen – doch nicht gerade zeitgleich. Ganze sechs Minuten nach geht die eine. Das beschäftigt mich. Und ich erwache schneller, als mir lieb ist, und mit mir die Stadt.

Durch das offene Schlafzimmerfenster dringt das übliche Motorenbrummen in meinen schläfrigen Kopf. Zeit der Warenlieferungen. Schweinebeine für die Metzgerei Wälchli, Flachbildschirme für den Interdiscount. Etwas Domaine de Soleure für die «Wirthen»? Der Ghüder beim Ex Libris wird vermutlich gerade geleert. Laderampen surren, Paletten rattern übers Pflaster. Werkhof-Mitarbeiter reden leise. Dass draussen schon etwas geht, beruhigt mich. Geteiltes Leid.

Ich stehe auf, am Fenster ziehe ich die kühle Morgenluft in meine Lungen. Sie ist feucht Ende September. In der Dunkelheit zeigt sich der Himmel über den Dächern der Altstadt noch nicht, doch als Solothurnerin kenne ich den vertrauten Geruch des Frühherbstnebels. Die ersten Tauben gurren und ich höre schnelle Schritte Richtung Bahnhof.

14 Uhr. Ein hoher Ton durchschneidet Stimmengewirr, Kinderlachen, Hundegebell. Es ist ein Geräusch, das wir Einheimischen kennen: Ueli Niederhausers Bähnli, das pfeift. Hüür schon zum 21. Mal. Von der Rythalle über die Hauptgasse zum Märetplatz schleicht dieses temporäre öV. Hin und her und hin und her. Man muss etwas nicht alle Viertelstunde zu Ohr bekommen, um es decodieren zu können. Einmal im Jahr reicht aus. S’isch wieder HESO-Zyt.

23 Uhr. S’isch ebe HESO-Zyt. Vereinzelte heitere Gestalten ziehen unter meinem Schlafzimmerfenster vorbei. Noch auf ein Bier in die Pianobar? Glasklar höre ich ihre beschwingten Worte, Altstadtgassen verschlucken nichts. Und ich meine: nichts. Ich drehe mich zur Seite und versuche zu schlafen. Noch ein, zwei Mal nehme ich wahr, wie die grossen Glocken wohlbekannt läuten. Dann schlafe ich ein.

Solothurn, ich hab’ nicht immer Zeit, dich und deine Reize auch zu erbummeln. Doch dann kommst du zu mir. Bahnst dir deinen Weg in meine Wohnung. Ganz von selbst. Deine Outputs schickst du hoch in mein Daheim. Grosse Töne, lautes Zischen, leises Flüstern. Den Duft von Märet und altem Kehricht. Hier im vierten Stock, da schenk ich dir Gehör. Und deine Gerüche werden die meinen. Solothurn, ich kenne dich blind.