Es war eine Zeit, in der man Heiterkeit gut gebrauchen konnte – und in der man sich auch wieder dazu aufraffte, Heiterkeit zu schaffen: 1938, als die Talfahrt der Weltwirtschaftskrise schon fast überstanden war, erfand man Heiterkeit im kleinen Solothurn sogar neu. Der Fasnachtsumzug des 27. Februars 1938 sollte zeigen, «was die Honolulesen, durch Krieg und Krise vergelstert, noch an närrischem Witz, Geist und Humor in die Gegenwart hinübergerettet haben.» So nämlich beschrieb damals die Solothurner Zeitung die herrschende Aufbruchsstimmung. Doch wieso Aufbruchsstimmung?

Vorausgegangen war eine närrische Zwischeneiszeit von 43 Jahren – eine Fasnacht mit wenig Umzugsaktivitäten, die eines ausführlichen Chronikeintrags würdig gewesen wären. Zumindest Zeitungsartikel lassen dies vermuten. Zuletzt hatten die Narren 1895 eine denkwürdige Parade gefeiert: Nach dem damaligen Umzug unter dem Motto «Flug zum Mars» (den man 100 Jahre später historisch wiederholte) fiel die Tradition bis 1938 in einen Dornröschenschlaf; auch wenn vorliegende Dokumente belegen, dass es 1911 einen Umzug durch die Altstadt gegeben haben muss.

Dennoch zeichnete die Solothurner Zeitung 1938 ein Wehklagen in der Narrenwelt nach: es sei nicht mehr wie «alben» in Solothurns Gassen. Deshalb wolle man an die «ruhmreiche Tradition des 19. Jahrhunderts anknüpfen». Bereits 1937 hatte sich die Narrenzunft Honolulu zusammen mit der Vorstadt- und der Weststadtzunft über eine mögliche Renaissance Gedanken gemacht und bald einen Verein unter dem Namen «Fasnachtsumzug 1938» ins Leben gerufen. Damit dürfte vermutlich der Grundstein für die heutige Vereinigte Fasnachtsgesellschaft Solothurn (UNO) gelegt worden sein.

Umzug auf Film gebannt

Um es vorwegzunehmen: Laut der fast schon euphorischen Berichterstattung wurde der Umzug zum unübertroffenen Fasnachtsevent; zu einem, «wie er [...] in diesen Ausmassen in Solothurn noch nie zu sehen war»; und zum Ereignis, das sogar den Weg ins hiesige Kinoprogramm fand. So hatte der ortsansässige Fotograf Paul Zaugg die Festivitäten auf «lebendem Lichtbild» festgehalten und im «Palace» aufführen lassen. Dass der Film, um den es sich handeln könnte, heute auf unter Youtube zu finden ist, spricht für sich.

Die Energie, die in den Umzug 1938 gesteckt wurde, kam aber schon bei den Vorbereitungen zum Tragen, wie ein Werkstättenbesuch der Solothurner Zeitung bei den «uneigennützigen Idealisten» aufzeigte: Dem Anschein nach war regelrecht toute Soleure mit Vorbereitungen für den grossen Umzug absorbiert, «Schreiner, Wagner, Schlosser, Schmiede, Spengler, Kupferschmiede, Gipser, Tapezierer, Maler, Buchbinder, Drucker, Sattler und viele andere mehr.» Weiter wurden Kostüme geschneidert, und es wurden Reit- und Tanzstunden und Musikproben absolviert. Schliesslich ging es um 30 Umzugsgruppen, 20 Wägen und 1000 Teilnehmer, davon 300 uniformierte Musikanten. 1500 grosse und 1000 kleine Plakate wurden gedruckt und schweizweit verteilt. Zuguterletzt erschien ein illustrierter Festführer. Extrazüge mit verbilligten Billetts wurden für auswärtiges Publikum lanciert.

Inszenierte die Vorstadtzunft den Absturz der «Hindenburg» von 1937?

Inszenierte die Vorstadtzunft den Absturz der «Hindenburg» von 1937?

Ein 40 000-Franken-Umzug

Bei diesem Effort in Sachen Marketing erstaunt es nicht, dass im Vorfeld «im ganzen Schweizerlande» vom hiesigen Umzug gesprochen worden war. Und war man bestrebt, dass auch «nach dessen Durchführung noch lange Zeit darüber ein gutes Urteil gefällt» werde. 1938 wurde letztlich zur Motivationsspritze nach innen und zum Statement nach aussen: «Es geht nicht um Liebhaberei von ein paar alten Narren, sondern um zu zeigen, dass wir kein versauertes Provinznest sind, und wissen, was wir unserer uralten Stadt mit ihrer stolzen Fasnachtstradition schuldig sind.»

Spätestens das Budget zeigte, dass mehr als nur ein Lippenbekenntnis hinter diesen Aussagen stand: 40 000 Franken kostete der närrische Festzug, und die Kostspieligkeit kam mindestens ebenso oft zur Sprache wie der Aufruf an die Bevölkerung, sich an den Ausgaben zu beteiligen. So wurde die Fasnachtsplakette mit einem Preis zwischen 1 und 10 Franken als «Eintrittskarte» festgelegt. Weiter machten Spendenlisten und Wunschzettel die Runde, ebenso der Hinweis auf ein Spenden-Postcheckkonto.

«Slalomroute»

Und der Aufwand hatte sich offenbar gelohnt: Allen Prognosen zum Trotz begann es an diesem Tag zwar zu regnen, was die erwartete Zuschauerzahl von 50 000 auf «nur» 30 000 zusammenschrumpfen liess. Und doch war die Narrenschar unter Umzugsschef Wilhelm von Arx nicht unterzukriegen: Nach einem Kinderumzug startete um 15.45 der grosse Umzug– mit einer aus heutiger Sicht exotischen Route: Nach dem Start an der Waffenplatzstrasse passierte der Festzug den Hauptbahnhof, die Dornacherstrasse und die Wengibrücke. Weiter führte die Marschroute durch den Stalden in die Hauptgasse und über den Marktplatz in die Gurzelngasse, weiter durchs Bieltor über die Bielstrasse, via Wengistrasse wieder in den Stalden und über die Hauptgasse und den Kronenplatz zum Umzugsziel an der Baselstrasse.

«Tempora mutantur» – «Die Zeiten ändern sich» war der lateinische Spruch, auf den sich das Motto «Tempora Muttidurn» stützte. Und so wurde auch der Umzug zum nicht ganz ernst gemeinten Geschichtsunterricht. In vier Kapiteln wurden – nach einer närrischen «Introduktion» – die honolulesischen Epochen Revue passiert: Im vorliegenden Film machen Herolde zu Pferd und Fanfarenbläser (Reitverein) den Auftakt, Prinz Karnevals Festgefolge (Gruppe Pfluger) winkt dem Publikum zu. Weiter schwenken Solothurner Söldner in fremden Diensten ihre Flaggen (Stadtmusik), und vom Wagen winkt die höfische Rokoko-Runde (Männerturnverein). Aufwendige Umzugswagen passieren den Märetplatz, unter anderem Hilarius Immergrün und Elisi vor dem St-Ursen-Zwiebeldach (Cardinalgesellschaft) oder die Schanze, die per Kran demontiert wird (Männerchor Sängerbund/Narrenzunft Honolulu).

Solothurner Fasnacht 1938

Solothurner Fasnacht 1938

Aktuelle Themen wie der eröffnete Neubau der Kantonsschule (Dornachia/Ruppigonia) oder das damals kaum zwei Jahre junge Kosciuszko-Museum (Gurzelngass-Leist) werden ebenfalls närrisch gewürdigt. Mit der «Stürschrube» (Hauptgassleist), wird die damalige Ausgaben- und Steuerpolitik auf die Schippe genommen, und damit unter anderem auch «Stür-Ernschtli», der damalige städtische Steuerverwalter Ernst Kaiser. Aber auch das angespannte weltpolitische Geschehen beschäftigt – ebenso, was man damals schon erahnt: in Form von Luftschiffen, beim Thema Luftschutz (Vorstadtzunft) oder in der «Bombenmusik» (Stadtmusik). Dass die hiesige Fasnacht solche kritischen Fragen nicht ausblendete, zeigte ein Jahr später der Hauptgassleist, der sich das Thema «Gsinnigs-Schnüffler» wählte.

Quellen: Div. Ausgaben der Solothurner Zeitung im Februar 1938; Staatsarchiv Solothurn; «Lucifer» Fasnachtsbilderbogen 1937–39 (Archiv Tom Ingold); Archiv Hauptgassleist, sowie Archiv Peter Studer.