Natalie Miller
18-jährige Solothurnerin ist Schweizer Meisterin im Distanzreiten

Das spitzensportliche Distanzreiten: Für die 18-jährige Natalie Miller aus Solothurn wurde es zur Leidenschaft. Dieses Jahr wurde sie Juniorenmeisterin, nächstes Jahr geht es an die elitäre Europa-Meisterschaft.

Sabine Gfeller
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Natalie Miller mit dem Arabischen Vollblut Assidaroi an der Schweizer Meisterschaft auf dem Weg zu Gold.

Natalie Miller mit dem Arabischen Vollblut Assidaroi an der Schweizer Meisterschaft auf dem Weg zu Gold.

Zur Verfügung gestellt

Das Pferd wird vom Tierarzt untersucht. Alles in Ordnung? Rauf auf den Pferderücken. Mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 18 km/h legt der Reiter 30 Kilometer hinter sich. Nächste Untersuchung, 40 Minuten Pause. Das Pferd ist nach wie vor wohlauf. Dann kann es weitergehen und die nächste 30 Kilometer lange Schlaufe liegt vor dem Reiter hoch zu Ross. In diesem Takt geht es weiter, bis 120 km erreicht sind. Worum handelt es sich hierbei? Distanzreiten. Dieses Jahr gewann die 18-jährige Natalie Miller aus Solothurn als Juniorin die Schweizer Meisterschaft im sogenannten Endurance-Reiten, wie die offizielle Bezeichnung lautet.

Gerade in einem Spitzensport wie dem Distanzreiten sind Muskeln und konstante Körperanspannung besonders wichtig. Die Reiterin steht während des ganzen Rittes in den Steigbügeln, das Gesäss in der Luft, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, parallel zum Pferdehals – im sogenannten leichten Sitz. Ein Ritt dauert von sechs Uhr morgens bis nachmittags um drei oder vier Uhr. Mit den einberechneten Pausen muss diese Position also während gut sieben Stunden gehalten werden. Der Trick des leichten Sitzes: «Jeder Galoppsprung verlängert sich um ein paar Zentimeter. Auf ein ganzes Rennen gesehen summiert sich das schon.»

«Am liebsten mag ich technische Ritte. Diese beinhalten Bodenwechsel, Kurven und Steigungen. Das macht ein Rennen spannend», erzählt Miller. Ihr Lieblingsritt des vergangenen Jahres ereignete sich am letzten Rennen, an den Schweizer Meisterschaften im bayrischen Weissenhorn. Anfangs dachte sie aufgrund der flachen Strecke, dass der Ritt technisch nicht allzu anspruchsvoll sein würde. «Es regnete, der Boden war nass und stellte daher gleichwohl eine Herausforderung dar. Der Ritt war technischer, als ich erwartet hatte.» Das grosse Ereignis: In den letzten Runden konnte die Juniorin die Elite überholen. Die Elite-Schweizer-Meisterschaften fanden am selben Tag, am selben Ort und fast zur selben Uhrzeit statt. Daher holte sie dieses Jahr ebenfalls den Titel als Elite-Meisterin, leider nur inoffiziell. Eine weitere Premiere: «Das war das erste Rennen, das ich taktisch geritten bin. Ich riskierte. Und wurde belohnt.»

Auf ihrer Freibergerstute Vani erlernte die Juniorin das Distanzreiten
6 Bilder
Der 6-jährige Vollblutaraber Bathan gehört auch Melanie Miller
Natalie Miller mit ihrem Vollblutaraber Bathan. Ihn hat sie selbst zugeritten.
Und auf gehts ins Gelände.

Auf ihrer Freibergerstute Vani erlernte die Juniorin das Distanzreiten

Tina Dauwalder

Zu Beginn übte sie mit ihrer Freibergerstute Vani. «Üblicherweise nimmt man an Distanzritten mit einem Araber teil. Ein Freiberger ist dafür nicht athletisch genug. Um an einer Meisterschaft teilzunehmen, musste ich also von jemandem einen solchen ausleihen.» Dieses Jahr war es wiederholt das Arabische Vollblut Assidaroi de Bozouls aus Frankreich. Er stammt aus einer Zucht, die sich auf Distanzpferde spezialisiert hat. Dort wollte ihn wegen seines unzähmbaren Temperaments scheinbar niemand reiten. «Antreiben muss ich ihn nie, höchstens bremsen», erzählt die Kantonsschülerin lachend. Nach der Endurance-Saison, als der Araber in Frankreich für die Winterferien eintraf, war er komplett verändert. «Er sei viel braver geworden, meldete mir sein Besitzer und Züchter. Ich hoffe, dass er ihn mir für die nächste Saison wieder gibt und nicht selbst einsetzen will», sagt Miller. Noch nicht nächste Saison, aber in naher Zukunft würde ihr eigenes Pferd sie an einer Meisterschaft 120 km weit tragen. Obwohl ihre Stute für einen Freiberger sehr sportlich ist, wird diese Aufgabe die geeignetere Pferderasse übernehmen; ihr eigener, 6-jähriger Vollblutaraber Bathan. «Ich habe ihn selbst zugeritten und trainiere ihn momentan auf die Distanz.»

Das Training gestaltet die junge Reiterin selbst. Zu Saisonanfang fängt sie sieben Wochen vor dem Distanzritt an zu trainieren. Jeden Tag reitet sie mit dem Araber einen Hang rauf. Dies trainiert das Herz und die Metabolic. Zudem geht sie einmal pro Woche auf die Rennbahn, wo eineinhalb Stunden durchgaloppiert wird. «Dieses Training mag ich gar nicht. Ich mache unzählige Runden, jedes Mal dieselbe Strecke. Zudem wird es im Sommer unglaublich heiss, da es keinen Schatten gibt. Trainingshighlight ist jeweils das Wochenende in Avenches, welches zwei- bis dreimal jährlich stattfindet. Dort geniesse ich die langen Galoppstrecken und die angenehm kühle Luft am Flussufer. Das ist das Schönste.»

Dieses Jahr wurde sie nach drei internationalen Ritten schweizerische Junioren-Meisterin. Nächstes Jahr ist ihr Ziel die Elite-Europameisterschaft in der Slowakei. Dort muss sie nicht länger eine Strecke wie von Bern nach Zürich, sondern die ursprüngliche Länge der Berliner Mauer zurücklegen (160 km). Die Uhr, ihr Glücksbringer, darf dann natürlich keinesfalls fehlen. «Ich reite aber nach meiner inneren Uhr und nicht verbissen auf Zeit.»

Wie jeder Spitzensport ist auch das Distanzreiten nicht ungefährlich. «Beim Selektionsrennen für die Europameisterschaft wurde ich von einem Pferd in den Bauch getreten. Ich wurde ohne Vorwarnung überholt. Eigentlich schlug das andere Pferd nach meinem aus. Es traf aber mich. Danach fiel ich vom Pferd, bin aber gleich wieder aufgestiegen und weitergeritten. Pferde, die nach anderen ausschlagen, sind inakzeptabel. Das Distanzreiten ist ein Gesellschaftssport. Da muss man aufeinander Rücksicht nehmen», sagt Miller bestimmt. Obwohl sie einstecken musste, erreichte die Juniorin bei diesem Rennen ihre aktuelle Bestzeit.

«Die Weltmeisterschaft findet 2015 in Chile statt. Ich lege auch längere Reisewege zurück. Aber mit dem Pferd fliegen? Irgendwo gibt es Grenzen.» Und wenn die Weltmeisterschaft einmal in Europa stattfindet? «Dann wäre ich sofort mit dabei!» Als Distanzreiterin ist Miller sehr darauf bedacht, dass es dem Pferd gut geht. Dies sei übrigens eine Voraussetzung bei den Ritten, da es alle 30 km eine tierärztliche Untersuchung gibt. Schneidet das Pferd dabei nicht gut ab, ist der Ritt beendet. An manchen Ritten gibt es sogar eine Auszeichnung für das Pferd, das in bestgesundheitlichem Zustand ist. Diese gewann Miller mit Assidaroi bei ihrem Ritt in Golasecca (Italien). «Assidaroi bekam einen Kranz und führte ihn stolz dem Publikum vor.»