Ohne das Geschwisterpaar Josef Müller und Gertrud Dübi-Müller wäre das Kunstmuseum Solothurn eines wie so viele. Denn dass in Solothurn Bilder von Klimt, Van Gogh, Hodler, Giacometti und vielen anderen bedeutenden Malern des 19. und 20. Jahrhunderts zu sehen sind, ist den beiden grossen Solothurner Kunstsammlern zu verdanken. Sie brachten eine Vielzahl ihrer wichtigsten Gemälde in Stiftungen ein, und diese wurden nach ihrem Tode dem Solothurner Kunstmuseum vermacht.

Eine ganz besondere Sammlerin und grosszügige Mäzenin war Gertrud Dübi-Müller (1888–1980). Ihr widmet das Kunstmuseum nun im Grafischen Kabinett eine äusserst abwechslungsreiche Ausstellung. Ihr Titel «Liebes Fräulein Gertrud» bezieht sich auf den regen Briefwechsel, den Gertrud, geborene Müller als junge Frau mit dem Maler Ferdinand Hodler unterhielt, was an und für sich schon sehr ungewöhnlich war.

«Grund für diese Ausstellung sind nun aber mehrere glückliche Zufälle», erklärt Museumsdirektor Christoph Vögele. «Es ist einerseits die Schenkung des ehemaligen Direktors der Bieler Kunstgewerbeschule Rudolf Schindler, der ein leidenschaftlicher Sammler von Hodler-Zeichnungen war. In seiner Sammlung waren eine Vielzahl von Skizzen und Zeichnungen Hodlers von Gertrud Müller und weiteren ihrer Familienmitglieder. Mit dabei auch äusserst aufschlussreiche Vorzeichnungen zu sehr bekannten Gemälden, auf denen Gertrud Müller porträtiert wurde.» Diese Zeichnungen vermachte der Sammler Schindler dem Kunstmuseum Solothurn.

Erst 14-jährig machte Gertrud Müller, Tochter der Fabrikantenfamilie Müller (Sphinx-Werke), anlässlich der Eröffnung des neuen Kunstmuseums Solothurn 1902 die Bekanntschaft von Ferdinand Hodler und von Cuno Amiet. Zeit ihres Lebens blieb sie diesen beiden Malern – genauso wie ihr Bruder Josef – freundschaftlich verbunden. Ferdinand Hodler malte das junge «Fräulein Gertrud» insgesamt 17 Mal. «Das beweist, dass der Maler der jungen Frau sehr zugetan war», erzählt Vögele, der die nun erstmals zu sehenden Skizzen neben die bekannten Gemälde hängen liess.

Zu finden sind in der Ausstellung auch Briefe, Dokumente und Familienfotoalben, die das Leben und den Alltag der Gertrud Dübi-Müller – mit 33 Jahren heiratete sie den Direktor der väterlichen Fabrik, Otto Dübi – illustrieren. Zu sehen ist beispielsweise die erste Werkliste ihrer angekauften Kunstschätze.

Ein zweiter schöner Zufall, den Vögele zu dieser Ausstellung veranlasste, sind Fotos, welche Gertrud Dübi-Müller selbst hergestellt hatte. Diese waren 1943 in ein Fotobuch eingeklebt worden und konnten vor einiger Zeit vom Solothurner Museumsdirektor angekauft werden. Gertrud Dübi-Müller war mit 23 Jahren die erste Frau im Kanton Solothurn, die sich ein Automobil anschaffte und so ihren vielen Maler-Freunden mit der Fotokamera einen Besuch abstattete.

Neben Ferdinand Hodler verband Gertrud Dübi-Müller auch eine enge Freundschaft mit Cuno Amiet und dessen Familie. Als junge Frau nahm sie bei ihm Malunterricht, und er war es auch, der ihr die Welt der modernen Malerei zugänglich machte. Auf sein Anraten erwarb sie erst 19-jährig in Wien Vincent van Goghs «Irrenwärter von Saint-Rémy» (1889). Auch Amiet porträtierte Dübi-Müller etliche Male, und einige seiner wichtigsten Arbeiten hatte sie in ihrer Sammlung vereint. Eine Reihe weiterer Künstler wurden durch die Mäzenin gefördert oder entdeckt. Unter ihnen Hans Berger oder Ernst Morgenthaler.

Ein weiterer Zufall, so Vögele, sei das Erscheinen des Buches «à ma tante» von Monique Barbier-Mueller, der Nichte von Gertrud Dübi-Müller, und Kunsthistoriker Cäsar Menz, welches in den nächsten Tagen erscheinen wird.

Bis 16. Mai. Di–Fr 11–17 Uhr; Sa/So 10–17 Uhr. Diverse Rahmenveranstaltungen unter www.kunstmuseum-so.ch