Wer bisher meinte, längst alle Argumente für oder gegen die 1:12-Initiative der Juso gelesen oder gehört zu haben, erlebte an diesem Anlass Erstaunliches. In der Aussprache nach den Referaten, in die Marianne Meister und David Roth kontradiktorisch einbezogen waren, setzten sich die Anwesenden kritisch mit dem Gehörten auseinander.

«Ihr bürgerlichen Parteien seid Weltmeister in der Angstmacherei», musste Meister aus dem Plenum zur Kenntnis nehmen, nachdem sie die gegnerische Kampagne des Schweizerischen Gewerbeverbandes wortgewandt vertreten hatte. Gewarnt hatte die FDP-Politikerin vor dem «schädlichen sozialistischen Rezept», das zur Abwanderung von Firmen und Arbeitsplätzen ins Ausland, zu einem zeitraubenden Papierkrieg der Unternehmen und besonders zu einem unerwünschten Eingriff des Staates in die liberale Wirtschaftsordnung hierzulande führe.

Sie vergass nicht, die neue «Neidkultur» und die Vergiftung des sozialen Klimas im Kontext von Studien zur 1:12-Initiative zu erwähnen, die grosse Löcher in die AHV und ins Steueraufkommen reissen würde. Denn losgelöst von der Realität verspreche die Initiative «mit halsbrecherischen Theorien das Blaue vom Himmel». «Dieser Systemwechsel erzeugt grosse Angst», meinte sie mit Blick nach Frankreich, wo der aktuelle Wirtschaftskurs nicht stimme. «Aber Hollande muss auch etliche Massnahmen von Sarkozy auslöffeln», tönte es aus dem Saal zurück.

Der Missbrauch von Freiheiten

David Roth, der mit einleuchtenden Beispielen und Zahlenmaterial zu Produktivität und ungleicher Vermögensverteilung operierte, zitierte eine Aussage von der Arbeitgeberseite: «Der Missbrauch von Freiheiten erfordert eine Regulierung» - denn gewisse Herren mit Abzockermentalität hätten es in ihrer Geldgier einfach übertrieben, betonte er.

Da auch Marianne Meister Unbehagen zum Spitzenverdienst einiger weniger «reicher Vasellas» signalisiert hatte, fragte Roth, warum nicht die bürgerlichen Parteien selbst schon einen Vorschlag entwickelt hätten, «um dieser Ungerechtigkeit mit einer besseren Verteilung der finanziellen Ressourcen ein Ende zu setzen.» Denn zuletzt, so Roth, sollte doch Leistung honoriert werden.

Wenn es im Volk rumort

Danach mischte das Publikum mit. Es gestaltete den Anlass spannend, vergnüglich und respektvoll. «Das war besser als die ‹Arena› im Fernsehen», war man sich einig. «Der Erfolg der Schweiz hängt von der fleissigen Mehrheit und nicht von den Topverdienern ab», war zu hören.

«Das Kapital sollte auch breiter verteilt sein, um so die Kaufkraft im Lande zu steigern», machte eine Diskussionsteilnehmerin auf die mehr als eine Viertelmillion Working Poor aufmerksam, die aus ihrer Sicht in der liberalen Wirtschaft einfach untergehen.

Bei einer Annahme würde die 1:12- Initiative im Parlament vermutlich «wieder zerzupft», befürchtete eine weitere Sprecherin. «Aber auch wenn sie nicht angenommen wird, weiss man wenigstens in Bern, dass es im Volk rumort», hielt ein Votant fest. Ein anderer glaubte, dass die Folgen eines «Ja» zur 1:12-Initiative für die Wirtschaft geradezu katastrophal wären.

Zuletzt betonte Panther-Präsident Hans Rüd, dass die 1:12-Initiative eigentlich weltweit angegangen werden müsste, und er unterstrich ein besonderes Vorrecht: «Die Jungen müssen protestieren, wenn etwas nicht in Ordnung ist.» «Aber die Alten auch», schallte es aus dem Plenum zurück. Eine Aufzeichnung des Anlasses wird durch das Tessiner Fernsehen am 2. November, um 20 Uhr gesendet.