Solothurn
100'000 Bücher verlassen die Zentralbibliothek, damit es wieder Platz gibt

In der Regel ist es an Montagen ruhig in der Zentralbibliothek. Derzeit jedoch herrscht Betrieb. Denn jeden Montag verlassen auf Lastwagen verpackt Bücher das Haus, um in die Kooperative Speicherbibliothek Schweiz in Büron überführt zu werden.

Helmuth Zipperlen
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Bücher aus der Zentralbibliothek Solothurn werden abtransportiert.
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Insgesamt 100'000 Bücher aus der Zentralbibliothek Solothurn werden ins Luzernische überführt. Es werden nur elektronisch erfasste Bücher ausgelagert.
Die Transportfirma Welti-Furrer hat für den Umzug der Bücher spezielle Transportbehälter hergestellt, in denen die Bücher rationell und sicher den Umzug überstehen.
Jedes der Bücher wurde vor dem Transport gereinigt.

Bücher aus der Zentralbibliothek Solothurn werden abtransportiert.

Hansjörg Sahli

Die von mehreren Bibliotheken getragene Speicherbibliothek, ein Hochregallager für Bücher, wurde vor Jahresfrist in Betrieb genommen. Die Zentralbibliothek Solothurn wird 100'000 Bücher dorthin bringen lassen. Das tönt nach viel, wenn man aber bedenkt, dass der Totalbestand der Bibliothek über eine Million Einheiten – ausser Bücher auch Broschüren, Briefe etc. – beträgt, relativiert sich das. Bei unserem Besuch werden wir von Mario Schneider, Magazinlogistiker, durch die im Allgemeinen nicht zugänglichen Räume geführt.

Büchergestelle reihen sich an Büchergestelle. Immer mehr Bücher aus Pfarreien oder ehemaligen Industriebetrieben der Region gelangen in die Zentralbibliothek. «Allein die Bestände aus dem Kapuzinerkloster Solothurn betragen 35'000 Bände und benötigen einen Platz von 72 Quadratmetern», ist von Mario Schneider zu erfahren. Er zeigt uns auch die Gestelle, auf welchen die Bücher aus der Dekanatsbibliothek Buchsgau lagern.

Dieser wertvolle Bestand mit Büchern aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die von der Familie Besenval geschenkt worden waren, ist noch nicht gesichtet. Ebenso die noch in Schachteln verpackten Bücher aus dem Bestand der Familie von Vigier aus dem Schlösschen in Subingen. «Wenn die Bücher nach Büron fort sind, können wir auch diese Schachteln auspacken.»

Das 19. Jahrhundert zieht um

Die Transportfirma Welti-Furrer hat für den Umzug der Bücher spezielle Transportbehälter hergestellt, in denen die Bücher rationell und sicher den Umzug überstehen. Bei unserem Besuch sind zwei Frauen an einer Bücherreinigungsmaschine beschäftigt. Zügig wird Buch um Buch durch die Maschine geschoben. In einer Stunde können 500 Bücher so gereinigt werden. Die Reinigung ist natürlich rein äusserlich, aber sie hat einen Filter, der auch Bakterien des Schimmelpilzes zu erfassen vermag. Kleinformatige Bücher werden mit einem Handstaubsauger gereinigt.

Es werden nur elektronisch erfasste Bücher ausgelagert. In der Speicherbibliothek gibt es zwei Angebote: den Kollektivbestand, bei dem alle beteiligten Bibliotheken ihre Bestände abgleichen, um die Lagerung von Dubletten zu vermeiden und den Individualbestand, der unangetastet bleibt. Die Zentralbibliothek hat sich in der ersten Phase für diese Option entschieden. So werden die Bücher nicht einfach Regal um Regal nach Büron versandt. Sie werden verlesen. Vor allem kommen Bücher infrage, die kaum ausgeliehen werden und Bestände aus dem 19. Jahrhundert.

Bücher, die aus der Zeit vor 1800 stammen, also Bestände des Kulturerbes, sowie alles, was einen Bezug zum Kanton Solothurn hat, bleiben in der Bibliothek und sind dort in einem Tresorraum untergebracht, der eine fachgerechte Lagerung garantiert. Sollte jemand ein Buch verlangen, welches ausgelagert ist, so ist das Prozedere gleich wie bei der Fernleihe, das heisst das Buch ist in zwei Tagen abholbereit. Zu Beginn ist vorgesehen, die Lieferung per Post ausführen zu lassen, doch überlegt man sich auch eine Anbindung an den Kurier, der auch die Partnerbibliotheken Zürich, Basel und Luzern bedient. Es müssen erst Erfahrungen gesammelt werden.

900'000 Bücher bleiben

In der Zentralbibliothek harren noch viele Bestände einer Sichtung und Erfassung. Ab und zu kommt bei der Katalogisierung eine wahre Trouvaille zum Vorschein, von der man keine Ahnung hatte, dass sie im Haus ist. Um den nötigen Platz zu schaffen, ist die Auslagerung von rund einem Zehntel des Bestandes sinnvoll.

Für Solothurner Leseratten, die Bücher sofort ausleihen oder im Lesesaal studieren wollen, verbleiben trotz dieses Aderlasses immer noch rund 900'000 Bücher verfügbar. Nach wie vor bleibt das Buch ein wertvolles Kulturgut und gibt auch Auskunft, wie die Leute zur Zeit des Erscheinens des Buches gelebt haben.

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