Sei es wegen der italienischen Pizza, der Belgischen Waffel oder der Schweizer Bratwurst oder einfach nur wegen des tollen Feuerwerks: Die Solothurnerinnen und Solothurner sind zu Hunderten zum Schanzengraben gepilgert, um an der Feier zum 1. August teilzunehmen.

Um 20 Uhr begann das Fest, als die Glocken der Kathedrale läuteten. Dort wo immer, diesmal hinter dem grossen Zirkuszelt fast ein wenig verloren, stand beim Soldatendenkmal das kleine Festzelt. Die Blaskapelle Konkordia – inklusive Hardy Jäggi, Gemeindepräsident von Recherswil – lieferte mit ihrer harmonischen, feinfühligen Darbietung den feierlichen Rahmen für den 728. Geburtstag der Schweizer Eidgenossenschaft. Dazwischen lieferten die Tambouren zweimal ein kurzes, aber um so schmissigeres Intermezzo.

«Rosso» holt Lacher mit politischem Witz

Die drei hellsten Solothurner leuchteten zur Ehre des Tages in roter Farbe vom Weissenstein her, und die Festrede hielt diesmal Franziska Roth von der SP, die auch respektvoll «Rosso» gerufen werden darf. Die Gemeinderätin und Kantonsrätin schöpfte bei ihrer Rede aus dem riesigen Reservoir einer Lehrerin. So erzählte sie einen Witz, der ihr durch einen ehemaligen Schüler zugetragen wurde. «Wie viele Jugos braucht es, um ein Zimmer zu putzen? Gar keinen, das ist Frauenarbeit.» Die versammelte Schar lachte herzlich. Eigentlich wollte Roth dem Jungen ja erklären, dass man nicht «Jugo» sagen sollte. Da habe dieser gemeint: «Dann sage ich halt Schweizer, ist doch egal, woher die Männer kommen, wenn es sie gar nicht braucht.»

«Vorurteile sind das Gegenteil von Neugier», brachte Franziska Roth ihre Rede auf den Punkt. «Klischees und 1. August? Passt das zusammen? Wir feiern heute unsere Freiheit, oder? Da braucht es den ungehinderten Blick auf die Sicht der Dinge. Keinen romantisch vernebelten», meinte die SP-Politikerin. Vorurteile seien vielleicht früher, in der Steinzeit, lebensrettend gewesen. «Alle Schlangen sind gefährlich – das mag damals jemandem das Leben gerettet haben, wenn er nicht lange nachdenken musste, sondern sofort fliehen konnte.» Sich heute noch von Vorurteilen leiten zu lassen, das sei nur blöd und auch sinnlos. «Wenn ich mit meinem Kollegen aus Sri Lanka unterwegs bin, wird er oft gefragt: Du kochst sicher ayurvedisch? Machst du Yoga? Nein, tut er nicht. Nicht alle Tamilen kochen gerne und sitzen verknotet in der Ecke. Es sind auch nicht alle Italiener bei der Mafia, und nicht alle Schweizer essen Fondue und hören DJ Bobo. Eins liegt jedoch auf der Hand: Jemanden, auf den die beiden letzten Dinge zutreffen, trifft man eher in der Schweiz als in Indien.»

Franziska Roths Appell gegen Vorurteile

Im Gemeinschaftswerk Schweiz habe man die Pflicht, vorurteilsfrei zu entscheiden. «So steht es in der Bundesverfassung», sagte Franziska Roth, «im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.»