Amtsgericht
Staatsanwalt fordert vier Jahre für Schützen vom Türkü-Club

Ist der Schuss ins Bein seines Landsmanns, den der kurdischstämmige türkische Staatsangehörige Süleyman T. im November 2007 vor dem «Türkü-Club» in Solothurn abgegeben hatte, als einfache oder als schwere Körperverletzung zu taxieren?

Daniel Rohrbach
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An der Grenchenstrasse 22 in Solothurn schoss im November 2007 ein Kurde auf seinen Landsmann. Hanspeter Bärtschi

An der Grenchenstrasse 22 in Solothurn schoss im November 2007 ein Kurde auf seinen Landsmann. Hanspeter Bärtschi

Solothurner Zeitung

Darum drehten sich am gestrigen zweiten Verhandlungstag vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern die Plädoyers von Staatsanwalt und Pflichtverteidiger. Dabei zeigte sich auch, dass Auslöser und Hergang des Streits keineswegs als gesichert gelten. Zu unterschiedlich, ja gar widersprüchlich waren die Zeugenaussagen. Als einigermassen sicher gilt, dass es im Inneren des Lokals zwischen dem späteren Angeschossenen Enver K.*, der reichlich alkoholisiert war, und einem weiteren Kurden zu einer Auseinandersetzung um einen Volkstanz gekommen war.

Der Streit artete bald einmal in Handgreiflichkeiten aus, an dem sich auch Begleitpersonen der beiden Streithähne beteiligten. Irgendwann verlagerte sich der Streit auf den Parkplatz vor dem Lokal. Dabei hatte T. gemäss Staatsanwalt Claudio Ravicini seinen grosskalibrigen Revolver gezogen, mit ihm herumgefuchtelt und auf mehrere Anwesende gezielt. Kurz darauf sei der Schuss gefallen. T. habe aber keine Tötungsabsicht gehabt, da nur ein Schuss gefallen sei.

Gefoltert in der Türkei

Süleyman T., der schon längere Zeit in der Schweiz lebt, spricht nur sehr gebrochen Deutsch, ist geschieden und bezieht Sozialhilfe. Er gehörte der kurdischen Rebellengruppe PKK an. In der Türkei wurde er gefoltert. Aufgrund eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Strassburg musste der türkische Staat T. eine Entschädigung von 188000 französischen Francs bezahlen.

Die Folter und die damit zusammenhängenden psychischen Belastungen, aber auch Integrations- und Eheprobleme hätten dazu beigetragen, dass er in der Tatnacht die Kontrolle über sich verloren habe, sagte T. bei der Verhandlung vom Montag.

Dies liess der Staatsanwalt in seinem Plädoyer nicht gelten. Der medizinische Gutachter habe bei T. massive Persönlichkeitsstörungen ausgemacht. Er sei emotional instabil, zeige nur wenig Einsicht und sehe sich eher als Opfer denn als Aggressor. All diese Störungen seien aber nicht auf die Folter zurückzuführen. «Schon in der Türkei hat T. stets Probleme mit Autoritäten gehabt und war in Schlägereien verwickelt.» Der Gutachter habe zudem festgehalten, dass keine strafmildernden Umstände vorlägen.

T. habe auch nach der Tat regelmässig ein Messer mit sich getragen. Ravicini forderte, T. sei wegen schwerer Körperverletzung, Raufhandels, Gefährdung des Lebens und Vergehens gegen das Waffengesetz zu verurteilen. Er verlangte eine unbedingte Freiheitsstrafe von 48 Monaten und verlangte zusätzlich, T. zu verwahren. Dies, weil man davon ausgehen müsse, dass er nicht therapierbar sei. Der medizinische Gutachter gehe von einem Rückfallrisiko von 58 Prozent aus.

Verteidiger will bedingte Strafe

T.s Pflichtverteidiger Alexander Kunz hob vor Gericht hervor, dass die Rekonstruktion des Vorfalls schwierig sei. Das Opfer habe bei jeder Einvernahme eine neue Version vorgetragen. Sein Mandant dagegen habe den eigentlichen Vorfall immer etwa gleich geschildert. Es sei nicht erwiesen, dass T. vor der Schussabgabe mit der Waffe herumgefuchtelt und auf verschiedene Personen gezielt habe. Sein Mandant habe gezielt auf das Bein des Opfers geschossen. Hierbei handle es sich um eine einfache Körperverletzung.

Es habe nie Lebensgefahr bestanden und es seien durch den Schuss auch keine bleibenden Schäden verursacht worden. T. sei wegen einfacher Körperverletzung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 20 Monaten zu verurteilen. Kunz befand zudem, der Gutachter habe die Vorfälle in der Türkei nicht genügend gewürdigt. Das Urteil des Amtsgerichts wird noch diese Woche bekannt gegeben.

Name von der Redaktion geändert

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