Schiffahrt
So entsteht das neue Aareschiff «MS 300» in Linz

In Linz an der Donau wird in den nächsten Monaten das neue Aareschiff «MS 300» zusammengebaut. Ein Augenschein auf der Schiffsbauwerft Öswag, die schon 1466 Schiffe gebaut hat.

Andreas Toggweiler, Linz
Merken
Drucken
Teilen
Der Plan für das neue Aareschiff
9 Bilder
Mitarbeiter der Werft schneiden Bleche zu
Drehbank mit 2 Meter-Durchmesser
So entsteht das neue Aareschiff
Die Nabe fürs Windkraftwerk
Drehgestell für den Zug
Slip-Anlage auf dem Trockendock
Der Propeller liegt noch in der Werkstatt
Der erste Hammerschlag

Der Plan für das neue Aareschiff

Diese Zahl nannte Reinhard Rath, Leiter der Schiffswerft Öswag, anlässlich der Kiellegung des neuen Schiffs der Bielersee Schiffahrt Gesellschaft (BSG) vom Donnerstag in Linz. Die grosse Zahl erstaunt nicht, wurde doch die Firma bereits im Jahr 1840 gegründet. Spezialität war damals die Entwicklung und der Bau der ersten genieteten Stahlschiffe. Heute ist der Schiffbau eines von zwei Standbeinen der Öswag; das zweite, grössere ist der Maschinenbau. Die Werft baut durchschnittlich noch ein grösseres Schiff pro Jahr, fertigt aber auch noch andere nautische Produkte wie schwimmende Anlegestege. Wichtigster Umsatzträger sind verschiedenste Wartungsarbeiten an Donauschiffen, die hauptsächlich im Winter durchgeführt werden.

Weil die Donau wegen der vorherrschenden Trockenheit sehr niedrig ist, kam es aber letzte Woche zu diversen Notfalleinsätzen, weil die Schiffe auf Grund laufen und die Schiffsschraube beschädigt wird. Ein Kreuzfahrtschiff wurde nachts mitsamt Passagieren aus dem Wasser gehoben, um die Schraube zu wechseln. Jede Stunde, in der ein grosses Touristenschiff nicht fährt, kostet die Reederei viel Geld.

Grosse Flexibilität

Grosse Flexibilität zeigen die Öswag-Leute auch bei der Fertigung des neuen Aareschiffes. Ab Oktober wird ein Teil der Belegschaft auf dem Trockendock der BSG in Nidau arbeiten und dort die 10 Sektoren des Schiffsrumpfes wieder zusammenschweissen. Dieser wird mit allen wichtigen «Innereien» in Linz zusammengebaut und danach wieder für den Transport «tranchiert». Während das Heck noch entsteht, werden vorne bereits die ersten Stücke wieder abgeschnitten. Den fertigen Rumpf sehen die Öswag-Leute somit erst in Nidau. Dort werden die Schiffsaufbauten gemacht. Auch der Innenausbau ist österreichisch: Für den Holzbau ist die Innsbrucker Firma Heinrich Auer verantwortlich, eine langjährige Partnerin der Öswag.

Der letzte Schliff kommt allerdings aus der Region: Fürs das edle Innendesign wurde das Atelier oï aus La Neuveville beigezogen. Überhaupt gehört die MS 300 zur Kategorie mit gehobener Ausstattung (z. B. Klimaanlage, LED-Beleuchtung). Die Motoren werden mit Partikelfiltern ausgestattet.

Werft schreibt schwarze Zahlen

«Die Konkurrenzfähigkeit unserer Werft ist unter anderem gegeben, weil wir flexibel auf die Auslastung reagieren können», erklärt Reinhard Suppan, Geschäftsleiter der beiden Öswag-Unternehmungen. Man schreibe seit Längerem schwarze Zahlen, erklärt Suppan, der 2004 an einem Management-Buyout beteiligt war. Den Mitarbeitern gehören heute 20% der Holding. Die beiden Sparten beschäftigen zusammen 370 Mitarbeitende, darunter 30 Lernende. Der Umsatz beträgt rund 46 Mio. Euro. Die Sparte Maschinenbau, die Lohnfertigungen im Maschinen- und Anlagenbau betreibt, hat viele Synergien zur Schiffswerft und erlaubt einen flexiblen Einsatz des Personals. Der Maschinenpark in Linz ermöglicht die Bearbeitung von massiven Industriewerkstücken wie tonnenschwerer Turbinengehäuse. Enge Kontakte pflegt man zudem zu einer einer benachbarten Firma, die Gleisbaumaschinen herstellt.

Die Öswag-Werft hat für die Schweiz schon viele Schiffe gebaut, allein drei für die BSG: die «Petersinsel» (Orangeboat), die «Berna» und die «Stadt Solothurn. In unliebsamer Erinnerung bleibt allerdings die «Panta Rhei» in Zürich, die aber nach Plänen Dritter gebaut wurde. «Wir hatten frühzeitig gewarnt, dass es so nicht gut kommt», sagt Werftchef Rath. Erst die Änderungsvorschläge der Werft hätten das schlecht austarierte Schiff überhaupt schwimmfähig gemacht, betont er. Und auch danach waren noch weitere Anpassungen nötig. «Bei fremden Plänen sind wir künftig doppelt vorsichtig», folgert Rath.