«Ich bin ein anderer Mensch als früher», sagt Michele B.* Früher, das heisst: Als B. mit dem Alkohol und mit finanziellen Problemen kämpfte. Früher heisst aber vor allem auch: Juni 2000, als der damals 29-jährige Magaziner und Lagerist in der breiteren Öffentlichkeit als «Fläschehals-Mörder» bekannt wurde. Der gebürtige Italiener hatte bei einem Raubversuch an seinem früheren Arbeitsort, der Oltner Getränkelieferfirma «Fläschehals», den ehemaligen Chef mit drei Schüssen getötet. Das damalige Solothurner Kriminalgericht verurteilte B. 2002 wegen Mordes und weiterer Delikte zu 15 Jahren Zuchthaus.

Heute, nach zehn Jahren im Gefängnis, ist Michele B. überzeugt, ein anderer Mensch geworden zu sein. Unwahrscheinlich ist das nicht: Die Führungsberichte attestieren dem Insassen B. ein – von einigen Disziplinlosigkeiten abgesehen – ordentliches Verhalten, die Therapeuten stellen beim Patienten B. Fortschritte fest. Seine Anwältin sagt von ihm: «Er hat in all den Jahren vor allem eines gelernt: Mit Konflikten umzugehen.» B. habe mithin bewiesen, dass er nicht rückfallgefährdet sei.

Departement gegen Freilassung

Weil der mutmasslich Geläuterte in diesem Jahr zwei Drittel seiner Zuchthausstrafe von 15 Jahren abgesessen hat, darf er die bedingte Entlassung beantragen. Von diesem Recht hat B. denn auch Gebrauch gemacht – das solothurnische Departement des Innern erteilte ihm aber am 7. Juni abschlägigen Bescheid: Der therapeutische Prozess, so das Hauptargument der Behörden, könne bei B. noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden. B. focht die Verfügung per Beschwerde an und versuchte, unterstützt durch seine Anwältin, an der gestern anberaumten Verhandlung das Verwaltungsgericht von seiner Ungefährlichkeit zu überzeugen.

Er muss die Schweiz verlassen

«Ich möchte probieren, wieder etwas aufzubauen», sagte B. den Richtern. Eine zentrale Rolle in den Zukunftsplänen des verurteilten Mörders kommt der Frau zu, die seit fünf Jahren seine Partnerin ist. B. ist es leid, sie nur einmal im Monat zu sehen. Das Vorhaben, gemeinsam mit der Freundin eine Existenz aufzubauen, wird indes dadurch erschwert, dass Michele B. nach seiner Freilassung die Schweiz verlassen müsste. B. aber hat auch diesen Umstand in seine Planung einbezogen: Er will sich in Österreich niederlassen, dort eine Stelle suchen und eine Fernbeziehung führen, die zumindest nicht mehr den strengen Restriktionen des Strafvollzugs unterworfen ist.

Sind die Fortschritte nachhaltig?

Die Zukunftspläne des «Fläschehals-Mörders» drohen freilich an der Hürde zu scheitern, die die Juristen Legalprognose nennen: an der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass B. rückfällig wird. Beim Departement des Innern ist man vor allem deshalb skeptisch, weil B. sich an wesentliche Momente der Tat erst seit diesem Frühjahr wieder erinnern kann – und die psychologische Aufarbeitung mithin noch nicht abgeschlossen ist. Das Verwaltungsgericht gibt seinen Entscheid voraussichtlich heute bekannt.

* Name von der Redaktion geändert