Utzenstorf
Sieg für die Papierfabrik Utzenstorf? Auftragsgewinner zieht sich wieder zurück

Vorerst wird das in der Stadt Bern gesammelte Altpapier weiterhin in der Papierfabrik Utzenstorf verarbeitet. Denn der Gewinner der Ausschreibung zur Entsorgung des Altpapiers hat sich zurückgezogen.

Franz Schaible
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Alain Probst, Leiter des Altpapierwerks der Papierfabrik Utzenstorf, präsentiert den begehrten Rohstoff.hans ulrich mülchi

Alain Probst, Leiter des Altpapierwerks der Papierfabrik Utzenstorf, präsentiert den begehrten Rohstoff.hans ulrich mülchi

Die traditionsreiche Papierfabrik Utzenstorf ist an mehreren Fronten gleichzeitig gefordert. Einerseits buhlen – inzwischen weltweit – viele Verarbeiter um den Rohstoff Altpapier.

Andererseits geht der Verbrauch nach Zeitungspapier tendenziell zurück.

Die Folge: Die Preise stehen mit umgekehrten Vorzeichen sowohl auf der Beschaffungs- wie auf der Absatzseite unter Druck.

Trotz dieser enormen Herausforderungen kann Alain Probst, Leiter des Altpapierwerks und Mitglied der Geschäftsleitung der Papierfabrik Utzenstorf AG, mit mehreren positiven Nachrichten aufwarten. So ist die volle Auslastung der beiden Papiermaschinen bis Ende 2014 bereits gesichert (siehe Kasten). Die weiteren Punkte der Reihe nach.

Die Papiermaschinen laufen auf Hochtouren

Mit dem Geschäftsjahr 2013 zeigt sich Alain Probst, Geschäftsleitungsmitglied und Leiter des Altpapierwerkes der Papierfabrik Utzenstorf AG, nur bedingt zufrieden. Zwar habe man den Absatz mit rund 200 000 Tonnen Papier - je rund die Hälfte als Zeitungspapier und als Papier für Werbebeilagen - auf Vorjahreshöhe halten können. Aber der Umsatz sei gesunken. Der Preisdruck sei enorm, insbesondere wegen des schwachen Euro, aber auch als Folge des sinkenden Papierverbrauchs, begründet Probst. So sei in Europa der Papierverbrauch 2012 um 10 Prozent und 2013 um weitere 4 Prozent gesunken. Hinzu kämen eben die negativen Auswirkungen des nach wie vor starken Frankens. «Nicht nur unser Exportgeschäft mit einem Anteil von rund 50 Prozent leidet darunter, sondern auch das Inlandgeschäft.» Denn die Schweizer Kunden könnten das Papier günstiger im Euroraum einkaufen. Der Preisdruck also sei enorm. Dank strikter Kostendisziplin sei es aber gelungen, auf Betriebsgewinnstufe schwarze Zahlen zu erreichen. Das laufende Jahr dagegen beurteilt Probst deutlich positiver. Der Absatz sei praktisch für das ganze Jahr gesichert und die beiden Papiermaschinen seien voll ausgelastet. Diese laufen im Vierschichtbetrieb an 360 Tagen im Jahr. Zudem zeichneten sich höhere Verkaufspreise ab. Auch auf der Beschaffungsseite sei man gut unterwegs. Die über 800 vertraglich gebundenen Gemeinden sowie Druckereien und Entsorgerbetriebe würden wie bisher rund 260 000 Tonnen Rohstoff anliefern. Zusammen mit den Kosteneinsparungen bei der Energie und der Logistik (siehe Haupttext) ist ein höherer Ertrag budgetiert. Die Situation bleibe aber sowohl auf Beschaffungs- wie Absatzseite angespannt. «Die Papierfabrik hat gleichwohl gute Chancen, am Standort Utzenstorf zu überleben», glaubt Probst. (FS)

An der Beschaffungsfront gibt es vorerst eine Entwarnung. Denn im Kampf um das Altpapier der Stadt Bern zeichnet sich eine Wende ab. «Die Gewinnerin der Ausschreibung zur Entsorgung des Altpapiers kann den Auftrag mangels Umladeplatz nicht realisieren und hat sich im Dezember zurückgezogen», berichtet Alain Probst. Deshalb komme das Altpapier weiterhin nach Utzenstorf. «Das ist für uns sehr positiv. Denn es handelt sich mit 12 000 Tonnen Altpapier pro Jahr um eine relevante Grösse», freut sich Probst.

Dieser Fall zeigt übrigens exemplarisch, wie Altpapier zum gefragten Rohstoff zur Herstellung von Zeitungen, Verpackungen und Werbebeilagen mutiert ist. In Bern mussten sich gar die Richter damit befassen. Die Bundesstadt hat 2012 den Auftrag zur Altpapierentsorgung öffentlich ausgeschrieben.

Den Zuschlag erhielt eine St. Galler Entsorgungsfirma. Das Nachsehen hatte damals die langjährige Entsorgerin, welche das Papier weiter nach Utzenstorf transportierte. Hauptgrund war der Preis, wie die Abteilung Entsorgung und Recycling der Stadt Bern in der Zeitung «Der Bund» bestätigte.

Demnach boten die Ostschweizer rund 10 Franken mehr pro Tonne als die beiden Berner Firmen. Diese wehrten sich gegen den Entscheid, letztlich musste das Verwaltungsgericht beurteilen, wer die rund 12 000 Tonnen Altpapier einsammeln und verarbeiten darf. Es bestätigte die Auftragsvergabe an die Ostschweizer. Zu welchem Preis nach dem Rückzug der Ostschweizer nun die Stadt Bern ihren Rohstoff verkauft, ist noch offen.

Die Papierherstellung ist sehr energieintensiv. Bei der Papierfabrik Utzenstorf entfallen rund 25 Prozent des Umsatzes auf diesen Kostenblock.

«Nur noch die Rohstoffbeschaffung weist mit 29 Prozent einen höheren Anteil auf», sagt Alain Probst.

Die Strompreise haben sich auf dem europäischen Energiemarkt entgegen früheren Prognosen nach unten entwickelt. «Und davon profitieren wir jetzt.»

Denn auf Anfang dieses Jahres bewegt sich die Papierfabrik vollständig auf dem freien Strommarkt und hat für die kommenden zwei Jahre den Strom in Tranchen eingekauft. Bislang besorgte die Fabrik den Strom ausschliesslich bei der BKW. Neu arbeiten die Utzenstorfer mit mehreren Lieferanten zusammen.

Für tiefere Stromkosten sorgten auch stetige Energieeffizienzmassnahmen, hält Probst fest. «Unter dem Strich können wir bei den gesamten Stromkosten inklusive der Netznutzung Einsparungen im zweistelligen Prozentbereich erzielen.» Das führe auf der Kostenseite zu einer Reduktion in Millionenhöhe.

Ebenfalls in der Logistik erzielt der Zeitungspapierhersteller ab diesem Jahr Einsparungen. «Wir haben die 2006 ausgelagerte Fertigpapierlogistik wieder in Utzenstorf integriert», berichtet Alain Probst weiter. Damals sei die Fabrik Teil des finnischen Konzerns Myllykoski gewesen.

Seit dem Management-Buy-out und damit der Rückkehr zur Eigenständigkeit 2009 sei es sinnvoll, die Logistik der rund 200 000 Tonnen produzierten Papiers wieder in Eigenregie abzuwickeln. Die Reintegration beinhalte auch die Übernahme der beim Logistiker beschäftigten 16 Mitarbeitenden und eines Lernenden. «Neu können wir die Frachten selbst vergeben, was uns deutliche Einsparungen bringt», erläutert Probst die Kostensenkungsmassnahme. Für die nächsten zwei Jahre seien die Aufträge an externe Transportfirmen bereits erteilt.

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