Für den wunderbaren Blick auf die ruhig fliessende Aare hat Liliane Bosshart keine Augen. Konzentriert sitzt die ältere Dame am Tisch im ersten Stock des Altstadthauses. «Man muss total bei der Sache sein», sagt sie.

In ihren Händen hält sie eine Zange und frisch polierte Glassteine. Rund um Bosshart sind Tausende originale Steine fein säuberlich in rote Plastikschublädchen versorgt. Grössere und kleinere; Drachenpendel, Tannzapfen oder Tropfen heissen sie.

Mit viel Handarbeit finden hier im Atelier von Antiquitätenhändler Silvan Goetz alte Leuchter aus dem 18. und 19. Jahrhundert zu ihrem Glanz zurück. Schweizweit dürfte es nur wenige Betriebe geben, die das Kunsthandwerk verstehen.

Unten im Verkaufsraum ist Silvan Goetz Herr über Tausende geschliffener Steine. Bauchige, birnenförmige, stattliche und zierliche Kronleuchter hängen fertig restauriert rund um ihn.

Begonnen hat Goetz sein Geschäft vor rund drei Jahrzehnten mit weniger glänzender Ware: Kleine, zerbeulte Lampenschirme hat er wie zum Beweis dafür auf dem Tisch gelegt. Doch das ist Geschichte.

Heute funkelt es im Schaufenster. «Mongolphière» oder «Bienenkorb» heissen die Formen der Leuchter unter Fachleuten.

Jedes «Klunkerli» einzeln

Oben, in der ehemaligen Küche nimmt Liliane Bosshart jedes gewaschene und polierte «Klunkerli» einzeln in die Hand, stösst einen Drahtstift zwischen zwei Steinen durch und biegt diesen mit der Zange in exakt zwei Windungen zurecht.

«Geduld und geschickte Hände sind sehr wichtig», erklärt sie. Jede Umdrehung muss gleich sein wie diejenige zuvor, sonst sieht das Endprodukt nicht regelmässig aus. 30 Perlenketten mit je 23 Steinen fertigt sie für diesen Leuchter, dessen nacktes Gestell in der ehemaligen Küche des Altstadthauses hängt.

Jede Lampe ist ein Einzelstück. Um die Übersicht zu behalten, haben Bosshart und ihre Kollegin Irene Roth das Restaurationsobjekt zuvor abgezeichnet, später erhält der Kunde diese Skizze.

«Es sind Künstlerinnen», sagt Goetz über die zwei Frauen, die die Leuchter jeweils mittwochs restaurieren; eine weitere Frau aus dem Freiburgischen arbeitet mit Goetz zusammen.

Aus Bronze, Eisen oder Messing sind die Gestelle der Leuchter. «Man mus mit System arbeiten», sagt Bosshart. «Je dicker der Draht, umso weniger fallen die Ketten später», ergänzt Roth, die in Bellach ein eigenes Atelier betreibt.

«Unregelmässigkeiten sieht man sofort.» Ein Profielektriker erneuert die Technik der Leuchter. Sieben bis acht Meter Kabel benötigt er. Mehrere Tausend Franken kostet das fertig restaurierte Glaskunstwerk.

Historische Villa ausgerüstet

Erst kürzlich hat Goetz die historische Villa eines Solothurner Privatmannes mit mehreren Kronleuchtern ausgerüstet. Einer davon gehörte einst dem griechischen Reeder und Milliardär Aristoteles Onassis und war so schwer, dass er in der Villa selbst und nicht im Atelier auseinandergenommen werden musste.

Bevor er aufgehängt wurde, musste ein Loch in die Gipsdecke geschnitten und die Tragfähigkeit des Balkens untersucht werden. Auch im Bischofspalais hat Silvan Goetz schon einen Leuchter restauriert, der von der Decke gefallen war.

Einige Kunden kommen von weit her, wie der Amerikaner, der geschäftlich in Solothurn war. In einer grossen Holzkiste verpackt trat der gekaufte Leuchter die Reise über den Atlantik an. Der Magaziner, der bei Goetz aushilft, baute ein Gestell, in dem der Lüster hängend und sorgfältig verpackt transportiert werden konnte.

Art Déco, Louis XVI, Louis-Philipp oder Napoléon heissen die Stile der Leuchter aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Meist ist das Glas der geschliffenen Steine farblos. «Nur in einzelnen Fällen gibt es grüne oder rote», so Goetz.

Die Glasformen könnten heute wohl höchstens noch Glasbläser in Böhmen herstellen. Seine Trouvaillen findet Silvan Goetz auf grossen Händlermessen in Frankreich. Nicht immer bringt er von seinen Streifzügen ganz Stücke nach Hause, manchmal ist es nur ein Sack voller «Kügeli».