Schwangerschaft
Sie kämpft an der Front für den legalen Schwangerschaftsabbruch

Anne-Marie Rey kämpfte an vorderster Front für den legalen Schwangerschaftsabbruch. Jetzt kämpft sie wieder. Sie sagt, warum sie das tut und woher ihre Motivation kommt.

Lucien Fluri
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Anne-Marie Rey kämpft für die Abtreibung in der Grundversicherung. zvg

Anne-Marie Rey kämpft für die Abtreibung in der Grundversicherung. zvg

Frau Rey, vor zehn Jahren haben die Schweizer für den legalen Schwangerschaftsabbruch gestimmt. Wie hat sich die Praxis seither verändert?

Anne-Marie Rey: Mich hat positiv überrascht, wie schnell die Umsetzung der Fristenregelung funktioniert hat – gerade im Wallis oder in der Innerschweiz.

Wie erklären Sie sich das?

Besonders in Ärztekreisen hat ein grosses Umdenken stattgefunden. Eine wichtige Rolle spielte ein Generationenwechsel an den Spitälern. Schon vor der Abstimmung 2002 haben immer mehr Kantone zu einer liberaleren Handhabung des alten Gesetzes gefunden.

Jetzt will eine Initiative das Rad zurückdrehen. Die Krankenkasse soll Abtreibungen nicht mehr bezahlen. Sind Sie überrascht?

Nein. Bei der Sexualität und bei Frauenfragen kann man nicht davon ausgehen, dass einmal errungene Rechte für immer gelten. Man muss sich immer wieder von neuem dafür einsetzen.

Heute argumentieren die Gegner nicht generell gegen die Abtreibung, sondern mit den Krankenkassenkosten, die die Abtreibungen verursachen.

Sie wollen die Initiative als kostensparend verkaufen. Das ist schlichtweg Blödsinn. Schwangerschaftsabbrüche machen 0,02 Prozent unserer Gesundheitskosten aus. Eine Geburt kostet so oder so viel mehr.

Für Sie sind die Krankenkassenprämien also nur ein Vorwand?

Die absolute Grundfrage der 40-jährigen Diskussion ist immer wieder: Hat die befruchtete Eizelle, der Embryo, irgendwelche Rechte. Ich sage: Nein. Menschenrechte beginnen mit der Geburt. Ich kann nicht verstehen, dass jemand die befruchtete Eizelle als Mensch bezeichnet und sie über die Lebensperspektiven der Frau stellt.

Was sind dann die Gründe für die Initiative?

Es geht um Moral, um die Rolle der Frau in der Gesellschaft und um die Sexualität. Die Initianten sind zum Teil die gleichen Leute, die Homosexualität verdammen. Letztlich kommt die Initiative aus einer fundamentalistischen Ecke.

Elvira Bader, Co-Präsidentin der Initiative, setzt sich jedoch für Kinderkrippen und Gratisverhütungsmittel ein.

Ich weiss, wie diese Leute in der Abstimmungskampagne 2002 argumentiert haben. Bader befürwortete die extreme Abtreibungsverbotsinitative «Für Mutter und Kind» und lehnte das Partnerschaftsgesetz ab. Und sie hat sechs Kinder – eine grosse Kinderzahl ist symptomatisch für Konservatismus.

Welche Folgen hätte es, wenn die Initiative angenommen würde?

Ich bin felsenfest überzeugt, dass wir wieder illegale Abtreibungen hätten. Im Internet besteht ein Schwarzmarkt für Abtreibungspillen. Frauen, die illegal und ohne medizinische Überwachung abtreiben, werden dann mit starken Blutungen ins Spital gebracht. Und ein paar sozial schwache Frauen werden ihr Baby bekommen müssen. Beides kostet mehr als eine Abtreibung.

Sie sehen vor allem sozial Schwache gefährdet?

Ohne regelnde Krankenkassentarife wird es wieder Wucherpreise geben. In den 70-er Jahren kostete ein Abbruch mehr als heute. Jugendliche, Migrantinnen, Asylsuchende und Drogensüchtige könnten die Abtreibung nicht bezahlen. Reiche Frauen dagegen hatten noch nie ein Problem mit dem Schwangerschaftsabbruch.

Sie engagieren sich schon 40 Jahre an vorderster Front. Sind Sie nicht müde?

Einerseits geht es an die Nerven. Andererseits habe ich nach wie vor diese Wut im Bauch, dass es Leute gibt, die Frauen zwingen wollen, ein Kind zu bekommen. Ich finde das grauenhaft. Schwangerschaftsabbruch ist nun einmal etwas, das zu einem Frauenleben gehören kann. Es gibt keine einzige Verhütungsmethode, auch die Sterilisation nicht, die absolut sicher ist.

Woher kommt Ihre Motivation?

Das ging von meinem eigenen Schwangerschaftsabbruch aus. Es war für mich unerträglich, dass der Staat sich da einmischen wollte. Und ich habe miterlebt, wie mein Vater von Kollegen fertiggemacht wurde, weil er als liberal eingestellter Arzt Schwangerschaftsabbrüche vornahm.

Er war sogar in Untersuchungshaft.

Ja. Zweimal war er angeklagt, Abtreibungen illegal vorgenommen zu haben. Bei ihm habe ich auch gesehen, welche Lotterie es für Frauen damals war, ob sie einen Abbruch bewilligt erhielten. Sie mussten von einem Arzt zum anderen, in andere Kantone oder gar ins Ausland wandern. Das fand ich haarsträubend.