Sie weiss, was sie will:. Kübra Göcen, 21, Solothurn. «Nach meinem Master an der Universität Zürich möchte ich auf einer Bank arbeiten.» Ein klares Ziel vor Augen und sehr viel Disziplin: Das hat die schweizerisch-türkische Doppelbürgerin, sonst wäre sie heute nicht Wirtschaftsstudentin. Ihr Weg an die Uni war aussergewöhnlich und äusserst beschwerlich: Kübra hat nach der kaufmännischen Berufslehre (E-Profil) und der Berufsmaturität die einjährige «Passerelle» absolviert, damit sie an einer schweizerischen Universität studieren kann.

Nur gerade vier Prozent aller Berufsmaturanden wählen diesen seit 2005 offenstehenden Weg. Nicht zuletzt, weil die einjährige Zusatzausbildung – ein Gymnasium im Schnelldurchlauf – derart anspruchsvoll ist. «Es war sehr anstrengend», erinnert sich Kübra Göcen. «Vor der Prüfung musste ich oft bis 1 Uhr morgens lernen.» Sie wusste: Jede Dritte fällt bei der Prüfung durch. Im Jahr 2009 haben gerade mal 15 Solothurnerinnen und Solothurner die Passerelle erfolgreich bestanden (siehe Kasten rechts).

«Ich wollte an die Uni»

Nach der KV-Lehre bei der Biberister Maschinenhandelsfirma Suvema AG und der Berufsmatura – beides schloss Kübra Göcen mit der Note 5,3 in den Rängen ab – wollte sie sich weiterbilden. «Meine Schwester ist im Internet auf die Passerelle gestossen und hat mir diesen Weg empfohlen. Während der Berufsmaturität hat kein Lehrer davon erzählt.» Kübra meldete sich für die Passerelle an. «Ich wollte an die Uni.»

Warum nicht an die Fachhochschule, wo die allermeisten Berufsmaturanden ihren Bildungsweg fortsetzen? «Ich glaube, dass ein Uni-Abschluss mehr Ansehen geniesst.» Kübra Göcen ist ehrgeizig. «Wenn man über Umwege etwas erreichen kann, freut das doppelt», erklärt sie. «Sei es als Berufsmaturandin oder als Türkin.» Denn: «Mit einem türkischen Namen musste ich stets besonders kämpfen. Für meine Lehrstelle habe ich über hundert Bewerbungen geschrieben.» Kübras Eltern unterstützen sie auf ihrem Bildungsweg stets voll und ganz. «Sie wollen, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung erhalten. Sie sind sehr stolz auf uns.»

Neuer Lernstoff

Im August 2009 betrat Kübra die Passerelle. Drei Tage pro Woche besuchte sie den Unterricht an der Berner Maturitätsschule für Erwachsene. Daneben waren 25 Lektionen fürs Selbststudium vorgeschrieben. «Ich habe noch viel mehr gelernt», sagt sie. Was ein normaler «Gymeler» in sieben Jahren lernt, muss konzentriert in einem Jahr in den Kopf: Biologie/Chemie/Physik, Mathematik, Geschichte/Geografie, Französisch/Englisch und Deutsch. «Praktisch der gesamte Stoff war neu für mich.»

Kübra hatte während ihrer KV-Lehre und Berufsmaturität keine naturwissenschaftlichen Fächer. Jetzt sollte sie bei der Prüfung das Ohmsche Gesetz auf Stromkreise anwenden können. Oder die Theorie von Lamarck darlegen. Oder chemische Reaktionen aufstellen.

Die Passerelle kostete 5000 Franken. Davon übernahm der Kanton Solothurn 1400 Franken, das Schulgeld. Kübra arbeitete in den Sportferien in der Fabrik am Fliessband, damit sie Geld für ihre Ausbildung verdiente. Und in den fünfwöchigen Sommerferien lernte sie nonstop für die Prüfung. Kübra bestand sie klar.

«Passerrelle braucht mehr Disziplin»

Eine Woche nach der Passerelle-Prüfung, im September 2010, begann Kübra das Wirtschaftsstudium an der Universität Zürich. Unter den 1300 Erstsemestrigen kennt sie niemanden, der auch über die Passerelle den Weg in den Hörsaal gefunden hat. «Nur wenige meiner Mitstudierenden wissen überhaupt, was die Passerelle ist. Sie haben Respekt vor meiner Leistung. Viele der ehemaligen Gymnasiasten betrachten aber die Passerelle von oben herab.»

Das Uni-Studium gefällt Kübra «megagut». «Man trifft interessante Leute aus der ganzen Welt und der vermittelte Stoff ist interessant.» Klar ist für sie: «Die Passerelle braucht mehr Disziplin als das Studium an der Uni.» Und? Kann Kübra den Weg über die Passerelle weiterempfehlen? «Ja, auf jeden Fall. Dank des vermittelten Allgemeinwissens kann man überall mitreden. Es braucht aber sehr viel Disziplin und man sollte unbedingt an der Uni studieren wollen.»